Turbulenter Rückweg

Morgen kommt das Ende. Das Ende meiner Reise.
Doch heute muss ich erst einmal zurück nach Caracas. Ich genieße noch ein letztes Mal das tolle Frühstück in der Posada Alemania und lasse mich von einem Taxi zum Flugplatz fahren. In der kleinen Eingangshalle des Aeropuerto Alberto Carnevalli tausche ich mein ausgedrucktes Internet-Ticket gegen ein richtiges Flugticket, das allerdings auch kaum nach mehr aussieht, als einer Quittung aus dem Supermarkt. Der nette Seņor am Schalter gibt mir den seiner Meinung nach besten Fensterplatz im Flugzeug. Ich werde sehen...
Das Flugzeug verspätet sich ein wenig, flitzt schnell auf das Vorfeld, innerhalb von 10 Minuten sind Gepäck und Passagiere "ausgetauscht" und weiter geht's. Kein Wunder bei der Größe dieser Maschine.


Beechcraft 1900 von außen...

...und von innen

Es handelt sich um eine kleine Beechcraft 1900, die gerade 19 Passagiere und zwei Piloten fassen kann. Der große Vorteil daran ist, dass jeder Passagier seinen eigenen Fensterplatz hat! Der Ein oder Andere ist davon gar nicht so begeistert. Die Angst steht ihnen ins Gesicht geschrieben und ängstlich halten sie mit ihren Angehörigen Händchen.
Ich dagegen bin von diesem Flug total begeistert. Noch nie habe ich einen so beeindruckenden Linienflug erlebt. Die kleine Maschine kann nicht sofort aus dem Tal steigen. Fast eine halbe Stunde lang kurven wir durch das schmale Tal entlang der Fernstraße Transandina bis hoch zum Paso Aguila. Es geht bei dem vor uns liegenden Pass sichtlich langsam aufwärts. Die vorbeiziehenden Dörfer und Bauernhöfe sind selten weiter als 200 Meter tief unter uns oder schmiegen sich neben unserem Flügel an die Bergkanten. Ich kann gar nicht genug bekommen vom Fotografieren. Für mich ist es einer der schönsten Flüge überhaupt. Letztendlich überwinden wir in extrem niedriger Höhe den Paso Aguila und steigen danach höher und höher über die Berge.


Mérida aus der Luft


Durch die Berge


Über den Paso Aguila


Schlechtwetterwolken


Karibikstrände


Anflug auf Caracas-Maiquetía

Erst nach der Überquerung der Laguna Negra bekommen wir richtig Luft unter dem Flügeln und eine Weile später scheinen die Berge unter uns nur noch ganz klein und flach. Die kleine Maschine kann nicht über Schlechtwetterfronten wegfliegen und so versucht der Pilot sie bestmöglich zu umfliegen. Auf einem holprigen Ritt geht es durch die Wolken. Die Einen werden ganz grün im Gesicht, die Anderen wiederum finden es ganz lustig. Kleine Kinder quietschen vor Lachen. Es kommt eine Stimmung auf wie beim Achterbahnfahren.
Nach rund einer Stunde Flug erreichen wir die karibische Küste. Leider ist es heute stark bewölkt und die Strände erscheinen nicht in diesem unglaublich farbenfrohen Licht, wie man sie kennt. Doch kurze Zeit danach passt sich auch die Landschaft der Wetterstimmung an. Mehr und mehr rauchende Schlote und Fabriken tauchen auf, es gibt kaum noch schöne Strände. Wir nähern uns dem Flughafen von Caracas.


Menschen in Caracas

Beim Aussteigen stößt mir wieder diese feuchtwarme Küstenluft entgegen, wie es sie in Mérida überhaupt nicht gegeben hat. Ich setze mich in einen Bus nach Caracas und dort beginnt wieder der alltägliche Kampf. Offenbar in dem Glauben, ich käme gerade frisch aus dem Ausland, wollen mir verschiedene Taxifahrer eine Fahrt für 4000 Bolivares anbieten. Ich weiß, dass es auch für 2500 Bolivares geht und als sie nicht zum Verhandeln bereit sind, lege ich meinen Weg zu Fuß zurück. Ausgerechnet jetzt beginnt es zu regnen. Egal. Ich muss sowieso noch zur Bank. Nachdem ich 100.000 Bolivares abgehoben habe, finde ich wenigstens ein Taxi, das mich für 3000 Bolivares zu meinem alten Hotel bringt.
Trotz aller Befürchtungen bekomme ich mein Rad wohlbehalten zurück. Am Lenker sind weder rosa Bömmelchen oder Fesseln, noch sonst irgendwelche Anzeigen davon zu sehen, dass es "missbraucht" worden sein könnte... Ich werde die nächste Nacht in einer anderen Herberge verbringen. Hier ist inzwischen das eingetreten, wovon ich letztes Mal gar nichts gemerkt habe: Der "Wochenendverkehr". In doppelter Hinsicht...
Wie gut, dass ich hier nicht noch eine Nacht verbringen muss. Während ich mein Rad bepacke, hallt über die gesamte Eingangshalle ein Stöhnen und Schreien, als wenn ich mitten in einem Pornofilm gelandet wäre. Die ganze Zeit werde ich von der Puffmutter argwöhnisch beobachtet - ich habe Mühe, ein Grinsen angesichts dieser Situation zu unterdrücken. Ich drücke ihr noch 10.000 Bolivares in die Hand, lasse mir noch von ihr erklären, wie ich auf dem Weg zur Sabana Grande die Armenviertel am besten umfahre, und mache mich auf den Weg.
Auf abenteuerlichen Wegen erreiche ich endlich das Backpackers Hostel, eine ebenfalls wie ein Hochsicherheitstrakt abgeschlossene Herberge. Danach schlendere ich noch ein wenig über die Sabana Grande, esse beim Araber einen Falafel und muss mir auf dem Rückweg auch noch von Transsexuellen Sex anbieten lassen. Nein danke! So langsam beginne ich diese Stadt wirklich zu hassen...

Simuliert
An dieser Stelle möchte ich einen kleinen Einblick in mein Hobby geben; oder anders beschrieben: das, womit ich meine Brötchen verdiene:
Die Flugsimulation.
In den folgenden Bildern ist der oben beschriebene Flug exakt in 3D nachempfunden. Start auf dem Flughafen Alberto Carnevalli in Mérida, der Flug entlang der Transandina, das Steigen über der Paso Aguila, der beginnende Sinkflug über die Karibik und die Ankunft in Caracas-Maiquetía.



Für diesen Flug habe ich den Microsoft Flight Simulator 2004 verwendet (den man übrigens bei meinem Arbeitgeber bestellen kann :o) und außerdem folgende Add-Ons:
- Venezuelan Andes 2k2 von David Maldonado (www.avsim.com)
- Maiquetía 2002 ebenfalls von David Maldonado (www.avsim.com)
- Avior Beechcraft 1900D von Francisco Pérez (www.avsim.com)

Für die Berglandschaften habe ich mit den SRTM-Daten der Nasa (Höhenprofil der Erde von einem Space-Shuttle aus aufgenommen) eine so genannte "Mesh-Szenerie" erstellt. Mit einer Kombination aus all diesen Dingen kann man den Flug möglichst realistisch nach"fliegen" und die beeindruckenden Landschaften genießen - im virtuellen Sinne.

Tag 82:
Mérida - Caracas


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