Caracas 2
Die schönen Seiten?

Geldwechseln: Eine Wissenschaft
Ich wundere mich nicht schlecht, als ich an meinem ersten Tag in Venezuela diese Feststellung mache: Keine Bank will meine Dollars tauschen. Niemand will mir die Gründe dafür nennen und ich verlasse jede Bank mit tausend Fragezeichen im Kopf. Warum will niemand meine Dollars haben? Erst will man mir sie am Flughafen fast aus der Hand reißen und hier im Land nimmt sie niemand!
Aus der Not heraus wechsle ich sie an der Lotto-Annahmestelle in einem kleinen Supermarkt. Der Verkäufer fragt mich durch dunstiges Glas: "Zu was für einem Kurs willst Du sie tauschen?"
Was für eine Frage: "Zu 1.600, dem offiziellen Kurs eben".
"Wie viel?"
"80 Doláres"
"Ist ein wenig viel. Sagen wir... 30 Dólares?"
Ich gebe ihm die Scheine und er lässt sie gierig durch seine fettigen Hände laufen.
"Ok, willst Du die restlichen 50 auch noch tauschen?"
"Gut, machen wir!"
Es gibt keine Quittung oder sonstigen Beleg. Alles läuft unter vorgehaltener Hand ab. Ich vertraue wieder meinem Gefühl und werde nicht betrogen. Ich bekomme von ihm exakt den richtigen Betrag getauscht. Trotzdem ist da irgendwas falsch...

Zwei Tage später erfahre ich den Grund: Man sagt mir, dass die Venezuelanische Regierung den Devisenhandel wegen der zu großen Inflation eingefroren hat. Der Umtausch ist verboten und gerade deswegen hat sich auf der Straße ein blühendes Geschäft mit Dollars und Euros etabliert. Jeder Venezuelaner will Dólares. Niemand traut mehr der eigenen Währung. Das führt dazu, dass der Umtauschkurs auf der Straße ins Utopische steigt. Ich hätte also mindestens 2400 Bolivares für den Dollar bekommen können! Verdammt!
Noch ärgerlicher ist es, dass man an den Geldautomaten nur Bolivares zum offiziellen Wechselkurs bekommt. Dieser liegt bei 1600 Bolivares zum Dollar und 1800 Bolivares zum Euro. Dazu geben die Tourenveranstalter ihre Preise in Dollar an - oder den Gegenwert in Bolivares zu einem Wechselkurs von 2200 Bolivares.
Verdammt ärgerlich!


Meinen zweiten Tag in Caracas lasse ich ruhig angehen. Mein Kopf muss endlich einmal die vielen neuen Eindrücke verarbeiten können. Um 12 Uhr gehe ich zum Treffen mit Arturo, dem Deutschlehrer. Ich habe mich mit ihm in der Cafetería der Schule verabredet. Dort angekommen frage ich jemanden nach dem Weg zur Cafetería. Scheinbar bemerkt dieser Herr meinen Akzent und fragt mich sofort: "Sprechen Sie Deutsch?"
"Och, ein bisschen schon..."
In fließendem Deutsch beschreibt er mir den Weg zur Cafetería. Kein Wunder - er ist der deutsche Schulleiter. Während ich ein wenig durch das Instituto schlendere, läuft mir Arturo über den Weg. Im ersten Moment erkenne ich ihn gar nicht als Lehrer - meiner Einschätzung nach wird er noch unter dreißig sein. Er spricht ein recht langsames, aber sehr korrektes Deutsch. Er fragt mich, ob es ok ist, wenn wir mit einer Freundin essen fahren und bei der Gelegenheit ein wenig plaudern würden. Warum nicht? Ich bin sowieso dankbar für seine Aufgeschlossenheit und Gastfreundschaft. Wir steigen in seinen großen Jeep und fahren los.
"In welchem Hotel wohnst Du denn?" fragt er mich.
"Im Hotel Corona Real."
"Du weißt, dass das ein "Hotel de Amor", also ein Stundenhotel ist?"
"Ach! Öhem... wirklich?"
"Hast Du denn nichts gehört?" antwortet er mit einem Grinsen im Gesicht.
"Hmm, bis jetzt nicht..." Jetzt wird mir so einiges klar. Der 1 x 2 Meter große Spiegel auf Betthöhe, der Ventilator, unter dessen Zug man fast wegfliegt, das verschlossene Ambiente, aber auch die tolle Dusche...

Wir holen die Freundin bei ihrem Arbeitsplatz ab, und fahren weiter zu einem tollen Restaurant. Seine Freundin spricht ein wenig Deutsch: Im November will sie auf Sprachreise nach Berlin fliegen.
Und an dieser Stelle beginnt auch schon ein lustiger Zwist. Bei Arturo kommt der Lehrer heraus. Er möchte natürlich, dass ich mehr Spanisch spreche und fordert seine Freundin auf, mehr Deutsch mit mir zu sprechen, denn Anfangs machen wir es fast umgekehrt. Im Endeffekt unterhalten wir uns dann in einem lustigen Mix: Mal Deutsch, mal Spanisch.
Ich freue mich, dass mir endlich mal zwei Venezuelaner die wirkliche Lage im Land erklären können. Momentan gibt es keinen guten Reiseführer, der die Lage annähernd schildern könnte und von Deutschland aus war es sehr schwierig an Informationen zu gelangen. Und Arturo leiht mir seinen großen deutschen Reiseführer über Venezuela.


Venezuelanische Kinderbücher:
Die magische Welt der Yupka-Indianer und Rückkehr der Gespenster

Damit nicht genug. Auf der Rückfahrt darf ich einen Blick in den Verlag werfen, in dem seine Freundin arbeitet. Ich kann kurz mit hereinkommen, da es in diesem Verlag spanische Kinderbücher gibt, die ich gerne zum Lernen benutzen würde. Ich suche mir zwei schöne Bücher aus und bekomme sie zum halben Preis druckfrisch in die Hände gedrückt. Das finde ich echt supernett!
An dieser Stelle sollte man anmerken, dass die Venezuelaner nicht gerade das belesenste Volk sind. Durch Arturo finde ich endlich einen vernünftigen Bücherladen im Simba-Einkaufszentrum. Abgesehen davon gibt es nur hier und da kleine Läden und Stände, welche sich Librerías nennen, aber nie etwas anderes als Schulbücher, Comics und Schreibwaren anbieten. Und das in einer Stadt, die offiziell 5 Millionen und inoffiziell 10 Millionen Einwohner hat! Venezuela hat zwar beeindruckende Autoren hervorgebracht, doch trotzdem ist die Auswahl an heimischer Literatur erstaunlich gering. Ich werde nicht einmal bei der Suche nach einem Reiseführer über Venezuela fündig. Alles, was ich finde, ist ein Merian, der Wort für Wort vom Deutschen ins Spanische übersetzt worden ist. Darin stehen zum Beispiel Sätze wie dieser (übersetzt): "Die LTU fliegt Venezuela direkt von Frankfurt aus an." Es ist mir schleierhaft, was ein Südamerikaner mit dieser Information anfängt...
Wie auch immer, dafür finde ich in dem Einkaufszentrum zwei echt tolle Sachen. Schokomüsli (!!!) und Nutella. Allerdings kostet ein Glas Nutella umgerechnet 10 Dollar. Wie preiswert...


Mit der Seilbahn zum Pico el Ávila

Am Nachmittag fahre ich mit dem so genannten Teleférico zum Pico Ávila. Der Preis für das Ticket ist nicht ohne: 15.000 Bolivares muss ich berappen! Dafür ist die Aussicht umso grandioser und vom Bergsattel eröffnet sich mir plötzlich ein unerwarteter Ausblick nach Norden: Auf das unter kleinen Wölkchen liegende Karibische Meer. Während die Sonne untergeht, gehen unten in der Stadt die Lichter an. Von hier oben sieht dieser flimmernde Hexenkessel ganz friedlich aus.


Caracas

Das erste Mal treffe ich einen anderen Ausländer. Er sieht mich ebenfalls verdutzt an und fragt: "Are you also from the States?" (Glücklicherweise nicht...) Er ist in etwa so alt wie ich und lässt sich von seiner venezuelanischen Verwandtschaft das Land seiner Vorfahren zeigen. Im Gegensatz zu mir ist er von diesem Land total begeistert.
Es wird kühler. Ich wandere noch ein wenig durch den dunklen Dschungel, kehre dann aber wieder zurück, um mich mit dem Teleférico auf den Rückweg in die Stadt zu machen.


Das Karibische Meer

Wieder bin ich zu geizig mir ein Taxi zu leisten und möchte den Rückweg zu Fuß zurücklegen. Das bereue ich kurze Zeit später, doch da ist es schon zu spät. Meine Route führt mich durch ein ärmliches Viertel, welches auf der Karte natürlich nicht als solches zu erkennen war. Überall hängen die Leute in kleinen Grüppchen herum und ich habe ständig das Gefühl, die Blicke auf mir haften zu haben. Wie gut, dass ich mit meiner für Venezuela gar nicht mehr so exotischen Haut -und Haarfarbe und meiner Einkaufstüte in der Hand, nicht so auffalle. Wie glücklich ich doch über diese dämliche Plastiktüte bin! Doch besonders in dunklen Ecken verkrampft sich meine Hand an der Dose Pfefferspray in meiner Hosentasche. Ich kann meine Erleichterung darüber kaum ausdrücken, als ich wieder auf eine stark befahrene Hauptstraße mit Polizeistreifen treffe.


Busbahnhof Maracay

Am nächsten Tag ist mein Geburtstag. Schon wieder... Jetzt habe ich schon 21 Jahre hinter mir...
Und heute will ich auch endlich diese Stadt hinter mir lassen. Mit großem Misstrauen überlasse ich das Fahrrad und fast mein gesamtes Gepäck der Puff... ähem... der Hotelmutter. Sie zeigt sich für nichts wenig verantwortlich, ich weiß aber nicht, wo ich mein Rad sonst noch lassen könnte. Als ich später anderen Leuten davon erzähle, wo ich mein Rad gelassen habe, scherzen die nur: "Dann bekommst Du es bestimmt mir rosa Bömmelchen und ziemlich 'abgenutzt' wieder." Na ja...
Ich möchte nach Colonia Tovar. Bei diesem Ort handelt es sich um eine schwäbische Siedlung, die bis vor 50 Jahren vor der Außenwelt abgeschlossen war. Doch aus dem Besuch dort soll leider nichts werden.
Ich nehme ein Taxi zum Busbahnhof und man setzt mich auf einem dreckigen Platz mit einigen altersschwachen Bussen ab. "Das kann es nicht sein", denke ich mir.
Ist es auch nicht. Jemand sagt mir, dass ich zum Plaza Miraflores gehen soll, von wo aus Camisetas nach Colonia Tovar fahren würden. Das sei nur 3 Blocks entfernt.
Aus den 3 Blocks werden 6 Blocks Fußmarsch durch ein verwahrlostes Viertel und am Zielort: Nichts. Niemand weiß von Camisetas nach Colonia Tovar. Ich verwerfe Colonia Tovar und lasse mich mit dem Taxi direkt zum großen Busbahnhof fahren, von wo aus sogar Busse nach Lima gehen.
Dort angekommen, muss man nur dem Gehör folgen: Überall werden die Fahrziele in atemberaubendem Tempo ausgerufen. "Maracay, Maracay, Maracay! Maracaibo, caibo, caibo! San Felipe, Felipe, Felipe! Valencia, Valencia, Valencia!"
Über eine toll ausgebaute Autobahn geht es direkt nach Maracay. Dahinter beginnt endlich mein karibischer Traum...


Tag 72:
Caracas
Tag 73:
Caracas - Choroní
(Mein Geburtstag)


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