Nackte Schamanen auf dem Weg nach Feuerland Oder auch: Warum Rüdiger Nehberg längst out ist...


"Be firm like a rock, deep and serious like the sea. Think of the Earth as a Mother. This is one Earth. Don't be divided by thinking of yourself as belonging to different countries. This is one Earth."

—Babaji

Die Nacht habe ich abgesehen von Quäl-Attacken knatschender Kinder und schreiender Straßenverkäuferinnen (auf die ich inzwischen Mordgedanken hege) gut überstanden. Während die Sonne aufgeht, schlängelt sich der Bus durch eine gebirgige Wüste abwärts gen Sonnenaufgang. Weiter unten kann man schon den Hochnebel sehen, den es an der peruanischen Küste den ganzen Winter über geben soll und welcher die niedriger gelegenen Landstriche verdeckt. Wir tauchen in diesen Nebel ein und der Bus spuckt mich auf einer Hauptstraße im Zentrum der Stadt aus.


Zurück in der Wüste

Die Stadt macht keinen schönen Eindruck. Überall gibt es hässliche Flachdach-Gebäude im amerikanischen Stil. Nach dem letzten verheerenden Erdbeben ist hier kaum etwas an Historik übrig geblieben. Ich beginne mein Rad am Straßenrand zu packen und werde dabei gleich von Schleppern belagert. Einer von ihnen lässt nicht ab und versteht überhaupt gar nicht, dass ich kein Hotel brauche. Ich will nur einmal über die Nasca-Linien fliegen und dann gleich mit dem Bus weiter nach Ica. "Ok, einen Flug kann ich Dir auch geben" verspricht er mir. Doch natürlich bringt er mich erst einmal zu einem Hotel. Im Hotel sagt man mir, dass ich das Touristenbüro erst in Anspruch nehmen darf, wenn ich ein Zimmer gebucht habe. Entnervt mache ich ihnen klar, dass ich erst den Flug buchen will! Und wenn der Preis gut ist, werde ich auch über ein Zimmer nachdenken. Daraufhin darf ich das Büro zwar in Anspruch nehmen, das befindet sich aber seltsamerweise wieder in einem anderen Hotel. Dort werde ich in einer Sitzecke zur Seite genommen (Büro?) und lasse mich erst einmal von einer Dame mit einer schönen bunten Informationsmappe volllabern. Ich habe keine Lust zu großen Verhandlungen. Ich komme gerade erst schlaftrunken aus dem Bus und habe weder gefrühstückt noch mich gewaschen. Ich bringe Sie auf den Punkt: Ich will den Preis wissen und nichts weiter. Nach langem Hin- und her bietet sie mir den Studentenpreis von 45 Doláres an. Doch ich habe von nicht mehr als 30 Dólares gelesen und bestehe darauf nicht mehr zahlen zu wollen. "Wie kann der Preis plötzlich so hoch sein?" frage ich sie. "Nun, es ist Hauptsaison, es sind eben so viele Touristen da" antwortet sie. Das interessiert mich herzlich wenig. "Ein Flugzeug in die Luft zu bekommen kostet nicht mehr nur weil mehr Touristen da sind, oder?" Dieses Argument lässt sie nicht gelten. So kommt es zu ihrer großen Verwunderung dazu, dass ich einfach aufstehe und das Hotel verlasse. Als Dukatenscheißer lasse ich mich nicht behandeln.

Ich freunde mich mit dem Gedanken an, dass ich mit dem Fahrrad durch die Nasca-Linien fahren werde, anstatt sie zu überfliegen. Doch bevor ich mit dem Fahrrad meinen Weg auf der Panamericana fortsetze, gehe ich erst einmal in ein Restaurant. Ich frühstücke und putze mir die Zähne und schon fühle ich mich wieder fit für die Wüste. Es kann losgehen.


Was ist das?

Einige Kilometer hinter Nasca bleibe ich stehen und genieße den Ausblick auf das hinter mir im Morgennebel liegende Land. Gerade als ich auf den Auslöser meiner Kamera drücke, entdecke ich dort zwei seltsame Gestalten im Sucher: Seltsam schmale Gestalten mit großen Packtaschen an beiden Seiten: Reiseradler!
Die beiden heißen Maartje und Marcel und kommen aus - na woher wohl - aus Holland. Sie sind bereits seit La Paz mit ihren Rädern unterwegs und heute soll es nach Palpa gehen und morgen nach Ica. Spontan fahren wir zusammen weiter und ich bereue es gar nicht mehr, nicht über die Nasca-Linien geflogen zu sein.


Der "Baum" - auch das Werk von Außerirdischen?

Ich genieße diesen Teil der Panamericana. Die Wüste ist viel abwechslungsreicher als die Atacama und zu dritt macht die Fahrt gleich viel mehr Spaß. Bei den Nasca-Lines besteigen wir einen Aussichtsturm, von wo aus wir zwei der berühmten Zeichnungen sehen können: Die "Hände" und den "Baum". Neben dem Aussichtsturm befindet sich ein Warnschild: "Achtung! Vermintes Gebiet!".
Seltsam...
Ich frage Kassier am Aussichtsturm: "So ganz ernst gemeint ist das doch nicht, oder? Seit wann sind den die Nasca-Linien vermint?"
"Naja, das ist nur wegen den Touristen", bestätigt er mir grinsend.
Aha...


La Panamericana

Die Traumstraße der Welt: Endlich fühlen wir uns richtig in Amerika. Ständig donnern alte amerikanische Schlitten und Trucks an uns vorbei. Mit der Zeit lernt man schon zwischen dem Röhren eines Chevrolets und eines Dodges zu unterscheiden. Doch das ist nicht alles:
Mitten in der Wüste - fern von jeder Ortschaft - kommt uns ein dunkelbraun gebrannter Mann entgegen. Nicht, dass es schon ungewöhnlich genug wäre, dass er hier mitten durch die Wüste läuft, nein: Er ist nackt. Richtig verstanden: Nackt! Von oben bis unten! In seinem bärtigen Gesicht hat er weiße Striche gemalt und seine wachen Augen verfolgen mich während ich an ihm vorbeifahre.
Die Fahrer der großen Trucks scheint sein Anblick genauso zu irritieren. Die meisten machen einen erschreckten Schlenker um ihn herum und befördern sich damit fast in den Straßengraben. So was! Nackt! In einem solch hochkatholischen Land! Ich kann es mir nicht verkneifen und mache ein Foto. Wird er nach meinem Urlaub noch auf diesem Foto zu sehen sein? Es soll indische Yogis geben, die man auf keinem Foto festhalten kann. Habe ich ihn überhaupt wirklich gesehen? Oder hat mir die Sonne zu sehr mitgespielt?


Wir haben ihn wirklich gesehen...

Bei der nächsten Rast sehe ich Marcel an, dass er genauso irritiert ist: "Did you also see this naked shaman?" fragt er mich verwirrt. Wir haben ihn alle gesehen...
Und schon spekulieren wir: Läuft er vielleicht die Panamericana runter bis nach Feuerland? Ohne Gepäck und ohne Proviant? Das wäre ein neuer Rekord. Es wäre schon, wenn man eines Tages mal einen "Reisebericht" von ihm lesen könnte. Der wäre bestimmt interessant.


Palpa - sólo hay naranjas

Noch lange bevor wir Palpa erreichen, kommen wir in ein grünes Tal. Überall um uns herum sind Orangenplantagen und in Palpa selbst kann man kaum etwas anderes als Orangen kaufen. Wir sind wohl die ersten "Gringos" seit langem hier. Überall sieht man uns hinterher und der Junge, der uns die Zimmer im Hostal gibt, löchert uns ständig mit Fragen. Auf dem Hostal gibt es einen Mirador (Aussichtsturm) und von dort erklärt er mir die ganze Stadt: "Das da vorne, das ist die Kirche von annodazumal, das da ist die Plaza, da drüben läuft die Dorfnutte, das da..."
Seine Neugier findet selbst vor unserem Gepäck kein Halten. Maartje und Marcel sind nicht gerade begeistert darüber, als sie ihn auf frischer Tat dabei ertappen, als er ihre Gepäck durchwühlt.
Nichtsdestotrotz machen wir uns noch einen schönen Abend mit einem aufwendigen selbst kreierten Menü aus Kartoffelpüree und Pudding. Was für ein Festschmaus!

Ich habe meine Pläne spontan geändert. Ich werde noch einen weiteren Tag mit Maartje und Marcel zusammen fahren. Unser nächstes Tagesziel ist die Lagune Huacachina bei Ica.
Morgens um 9 Uhr geht es wieder los. Gleich hinter Palpa haben wir einen Anstieg zu bewältigen, danach rollen abermals in ein grünes Tal und müssen dann über einen 650 Meter hohen Pass. Immerhin funktioniert mein Höhenmesser noch, von meinem Kilometerzähler kann ich das schon seit Wochen nicht mehr behaupten. Mit meinem vielen Gepäck kann ich mit den beiden kaum mithalten. Schnell verzieht sich der Morgennebel, die Sonne brennt, und der Schweiß beginnt in Strömen zu fließen. Dafür bietet sich eine umso eindrucksvollere Wüstenlandschaft. Wir scherzen schon, dass wir eigentlich nie in die USA reisen zu brauchen. Bisher war niemand von uns dort. Hier gibt es doch schon haufenweise US-amerikanische Autos, verrückte Leute, und die Wüste sieht sicherlich auch nicht viel anders aus als die von Nevada.


Durch die Berge

Hinter dem Pass passieren wir noch einmal ein Dorf. Von da an folgen wir nur noch einer schnurgeraden Strecke durch die Wüste. Die Sicht reicht nur bis zur flimmernd im Dunst verschwindenden Straße.


Die Ebene


Which way to go? (Maartje)

Obwohl wir Gegenwind haben, kommen wir zu dritt sehr gut voran. Wir wechseln uns immer wieder ab uns sparen dadurch Kräfte. Überraschend holt uns ein leicht bepackter Mountainbiker ein. Er kommt mit seinem Rad aus Nasca und möchte insgesamt die Strecke bis Lima zurücklegen. Erst einmal ist es erstaunlich, dass er die ganze Strecke von Nasca heute schon gefahren ist, aber viel erstaunlicher ist es, dass er ein echter Peruaner ist! Eigentlich ist es doch sehr untypisch für diese Leute sich so sehr für das Radfahren zu begeistern.
Nach einem kurzen Gespräch verschwindet er wieder im Dunst und wir machen ein kleines Picknick am Straßenrand. Ich schmiere ein paar unglaublich leckere Avocado-Brötchen und Marcel schmeißt sogar seinen Kocher an und kocht ein paar holländische Tütensuppen. Das ist doch mal was!

Nach langer Fahrt geht es wieder steil bergab in ein Tal. An der Grenze zur grüner werdenden Landschaft befindet sich ein typisch verstaubter Panamericana-Truckstop. Bis jetzt hätte ich nicht gedacht, dass es in Perú leicht bekleidete und extrem hässlich geschminkte Mädchen geben würde, doch an der Bar werde ich eines Besseren belehrt. Nichtsdestotrotz ist der Kuchen hier sehr lecker und wir können endlich unsere Wasservorräte auffrischen.
Weiter geht es durch ein dicht besiedeltes Tal in Richtung Ica. Wir passieren berühmte Ortschaften wie Sacramento oder Santiago (schon wieder). Die Leute hier sind seltsam. Andauernd hören wir von allen Seiten Zurufe, von denen nicht wenige das Wort "Gringo" enthalten. Dass die Leute hier nicht die Klappe halten können... Am liebsten würde ich für jedes "Gringo" eine Ohrfeige verteilen, aber das wäre der Völkerverständigung wohl noch weniger zuträglich.


Laguna Huacachina

Wir erledigen noch ein paar Einkäufe in Ica und machen uns auf die letzten 6 km zur Oase Huacachina. Sie befindet sich inmitten von riesigen Sanddünen wie ich sie noch nie gesehen habe. Wir treffen Paulo aus Frankreich. Er ist mit seinem bereits seit zwei Jahren (!) von Frankreich aus mit dem Rad und Anhänger unterwegs. Leider haben wir nur zu einem kurzen Schnack Zeit. Er will heute Abend weiter nach Lima. Die Nacht durch, um Lima in drei Tagen zu erreichen. Verrückt... trotzdem beneide ich ihn sehr um seine 2 Jahre auf Tour. Mir wird es immer mulmiger zumute. In weniger als drei Tagen geht mein Flug nach Venezuela und kaum zwei Wochen später soll es wieder zurück nach Deutschland gehen. Eine schreckliche Vorstellung...
Wir finden ein schönes Hotel, dass von einem Schweizer geführt wird und am Abend geht es in eine schöne Bar. Ich nehme einen Pisco Sour und sofort fragt mich der Barmann mit stechendem Blick: "Du weißt doch, dass der aus Perú kommt?" Eifrig antworte ich ihm mit Ja. Der Pisco ist zwar für seine Herkunft aus Chile bekannt, allerdings ist das ein heikles Thema bei den Peruanern. Sie sind nämlich davon überzeugt, dass der Pisco "ihr" Produkt wäre. Von der peruanischen Stadt namens Pisco sind wir hier übrigens nur noch wenige Kilometer entfernt.
Wie auch immer: So ein Pisco Sour beschwippst ganz schön...


Bar - "¡Peruano desde siempre!"

Tag 66:
Nachtbus nach Nasca - Palpa
ca. 50 km
-Tacho defekt-
Tag 67:
Palpa - Ica (Laguna Huacachina)
ca. 100 km
-Tacho defekt-


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