Blutiger Anstieg
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Am Morgen mache ich noch in aller Ruhe ein paar zusätzliche Einkäufe. Ich habe einen kleinen Laden gefunden, in dem ich tatsächlich alles finde, was ich für das Outdoorleben an Nahrung brauche. Der Verkäufer duzt mich schon und freut sich mich wieder im Laden zu sehen. Insgesamt muss ich mindestens die nächsten 6 Tage von meinem Proviant zehren können, was eine beträchtliche Einkaufliste ergibt:
- 3 Packungen Spaghetti à 500g
- 3 Rollen Schokokekse
- 3 Fertigsuppen
- einige Mandarinen
- Möhren
- Kakteenfrüche
- Tomaten
- Paprika
- Zucker in kleinen Portionen
- kleine Tüte Salz
- Tee
- einige Tütchen Milchpulver
- Käse
- Brot
- Klopapier
- Taschentücher
- Müsli
- Fruchtbrausen für Wasser
Und nach alldem fragt er mich noch allen Ernstes "żAlgo más?" - Darfs noch etwas mehr sein? Mir reicht es erst einmal. Ich habe an die 20 Kilo Nahrung und etwa 13 Liter Trinkwasser dabei. Mein auf dem Lowrider liegender Wassersack ist bis zum bersten gefüllt und die 2 und 1,50 Liter-Flaschen hängen bis zum Rand aufgefüllt im Rahmendreieck. Hoffentlich bricht mir bei dieser Belastung keine Speiche.

Ich darf heute nur etwa 1000 Höhenmeter schaffen. Wenn ich mehr mache, könnte ich Probleme mit der Höhenkrankheit Soroche bekommen, die bekanntlich schon Radler in der Wildnis hat umbringen können. Also fahre ich erst zur Mittagszeit los. Kurz hinter San Pedro muss ich durch den chilenischen Zoll. Die Grenzen zu Bolivien und Argentinien sind zwar noch weit entfernt, doch dazwischen gibt es nichts weiteres mehr. Man lässt sich nur ungern bei der Mittagspause und dem Kartenspielen stören und schnell habe ich meinen Ausreisestempel im Pass.
Auf der gut ausgebauten Straße nach Argentinien fahre ich dem Paso Jama entgegen. Einige Kilometer hinter dem Flugplatz von San Pedro beginnt der Anstieg. Aus der Ferne sah all dies nicht besonders aus. In den Tagen zuvor habe ich schon mal die Straße betrachtet, die ohne Serpentinen eine fast ebene Fläche auf das Hochplateau hinaufgeht. Eben ist diese Fläche auch - wenn man mal von den 16% Steigung absieht, die man auf ihr ständig hat!
Die letzte Abwechslung bietet ein Minenfeld, was auf die Nähe zur Grenze hindeutet. Danach geht es nur noch bergauf, bergauf, bergauf. Erst komme ich locker im ersten Gang vorwärts, dann wird auch dies schwieriger und ich muss das Rad Tritt um Tritt nach oben stemmen.
Mit Beginn der Dämmerung habe ich 1142 Höhenmeter geschafft und befinde mich auf einer Höhe von 3546 Metern. Noch immer kann ich San Pedro sehen. Der Eindruck von Entfernungen täuscht hier unglaublich. Mein heutiges Tagesziel habe ich die letzten Tage schon aus San Pedro sehen können! Ich baue mein Zelt hinter einem kleinen Erdhügel neben der Straße auf. Ganz aus dem Sichtfeld der Trucker bin ich damit nicht. Fröhlich hupend und winkend fahren einige Trucker aus Paraguay und Argentinien an mir vorbei.
Mit steigender Höhe bekomme ich immer mehr Probleme mit meiner Gesundheit. Ich habe zwar noch keine Anzeichen von Soroche bemerken können, doch huste ich ziemlich viel und habe weiterhin einen trockenen Hals. Beim Schlucken spüre ich wie sich Kruste im Hals löst und ich schmecke Blut. Beim Schnäuzen finden sich im roten Taschentuch blutige Hautstückchen, die ich auch hin -und wieder aushuste. Dieser Zustand wird sich in den nächsten Tagen nicht bessern, doch werde ich mich mit der Zeit daran gewöhnen.

Bei der Weiterfahrt am nächsten Morgen kommen mir plötzlich zwei Radreisende entgegen. Auf einem Tandem! Ich hätte fast nicht gedacht, dass es die wirklich gibt. Jeep-Touristen in San Pedro haben mir schon von den beiden berichtet und sie staunen nicht schlecht, als ich ihnen erzähle, dass ich schon von ihnen gehört habe. Die beiden heißen Thomas und Manuela und kommen aus der Schweiz. Sie erzählen mir einiges von der Strecke, die sich hinter sich gelassen haben. Sie sind fast genau den Weg gefahren, den ich mir vorgenommen habe. Demnach erwartet mich ein windiges, eisiges Hochland mit unglaublich schlechten Pisten. Manuela fragt mich erstaunt, ob mir denn nicht kalt ist. Während die beiden dick eingepackt auf ihrem Rad sitzen, bin ich noch in kurzer Radlerhose und Trikot unterwegs. Thomas fragt mich, wie warm es denn so um die Mittagszeit dort unten in San Pedro sei. Ich schätze, dass es 20 Grad sind und sofort zeichnet sich auf den Gesichtern der beiden große Erleichterung ab. "Wir haben die letzten Woche NUR gefroren!".
Da kann mich ja was erwarten...

Nach dem Abschied von Manuela und Thomas wird es tatsächlich merklich kälter. Je mehr ich mich in einem qualvollen Anstieg mit dünner werdender Luft dem 4520 Meter hohen Pass nähere, desto kälter wird es. Am Pass liegen noch große Schneereste vom ersten Schneefall dieses Winters. Ich hoffe, dass der zweite nicht kommen wird, wenn ich hier oben auf dem Altiplano bin!
Schilder weisen mich darauf hin, dass es geradeaus nach Argentinien weitergeht. Ich muss links nach Hito Cajones. Auf dem Schild wird nicht mit einem Wort erwähnt, dass es dort nach Bolivien geht. Zu unbedeutend scheint dieses Land zu sein. Hier beginnt das große Abenteuer. Zum letzten Mal für lange Zeit sehe ich eine Asphaltstraße und eine Ausschilderung. Mit diesem Luxus ist es für die nächsten Wochen vorbei. Über die teilweise schneebedeckte Piste nähere ich mich dem bolivianischen Grenzposten, der einsam und verlassen im Nirgendwo steht...
| Tag 21: |
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San Pedro de Atacama - 3546 metros sobre el mar |
28,85 km |
| Tag 22: |
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3546 metros sobre el mar - Laguna Verde (4255m) |
21,81 km |
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