In Unterhose bei -20°C

Laurence wollte am folgenden Tag zu den Geysiren von El Tatio fahren. Ich entscheide mich spontan dazu mit ihr an dieser Tour teilzunehmen. Ich komme nach dem langen Aufenthalt im Valle de la Luna sowieso nicht mehr dazu, noch die nötigen Vorbereitungen für die Abreise in das Hochland zu treffen.
Der Haken an der Sache: Wir müssen um 3 Uhr aufstehen. Um 4 Uhr fährt unser Kleinbus zum Geysirfeld auf 4300 Metern. Um die gleiche Uhrzeit brechen viele andere Tourenbusse und Jeeps zum alltäglichen Schauspiel auf. Die karge Landschaft wird nur durch das schwache Mondlicht und die vielen Scheinwerfer beleuchtet. Der Weg zeichnet sich an der Kette der zahlreichen Jeeps ab, die auf und ab über die Piste holpern. Man fragt sich, wie ein normaler Mercedes-Kleintransporter diese alltäglichen Torturen durchsteht. Immer wieder geht es durch teils gefrorene Furten und über große Steine. Wo die Straße zu kaputt gefahren ist, nimmt unser Fahrer einfach das sandige Nichts neben der Piste als Abkürzung.
Noch vor Sonnenaufgang kommen wir am Geysirfeld El Tatio an. Schwefeliger Geruch nach faulen Eiern steigt uns in die Nase. Doch das hindert uns nicht daran nahe an die stinkenden blubbernden Löcher heranzutreten. Es ist nämlich so kalt... verdammt!... Ich kann mich nicht erinnern jemals in meinem Leben so sehr gefroren zu haben!
Die Ausdauer von Laurence ist beeindruckend. Ihr ist zwar offensichtlich auch kalt, doch lässt sie es sich nicht nehmen quer durch das halbe Geysirfeld zu laufen und einen Haufen Fotos zu machen.
Nervig an einer solchen Tour ist, dass man sich immer an den Zeitplan des Reiseführers halten muss. Meistens kommen wir ein paar Minuten zu spät zum Treffpunkt und erhalten von ihm gleich einen demonstrativ tadelnden Blick auf die Uhr. Es ist uns ein Rätsel, wie genau es die Chilenen plötzlich mit der Zeit nehmen können. Unser Frühstück besteht aus Thermoskannenkaffe, einem Sandwich und auf Geysiren gekochten Eiern.
Danach geht es weiter zu den heißen Quellen. Laurence hat schon an alles gedacht, hat den Bikini schon im Voraus angezogen und hüpft bei extremen Minusgraden in das 30°C warme Wasser. Das kann ich bei der eisigen Kälte draußen nicht mit ansehen und gehe in Unterhose in das wohlig warme Wasser. Folgend gibt es leider ein klitzekleines Problem: Natürlich den Reiseführer! Er nimmt es mit der Zeit der Abfahrt natürlich wieder ganz genau und nach einer Weile müssen wir uns schon mental darauf vorbereiten wieder aus dem Wasser steigen zu müssen. Wir sehen schon die ersten Leute, die einer nach dem anderen unglaublich zitternd aus dem Wasser steigen, sich fix abtrocknen und ihre Klamotten in Rekordgeschwindigkeit anziehen. Uns ergeht es kaum anders. Ich leihe mir schnell ein Handtuch von einem Chilenen und steige nach dem qualvollen Abtrocknen schlotternd in meine Klamotten.



Nach dem Bad geht es wieder zurück nach San Pedro. Nun sehen wir endlich was von der Landschaft. Bevor wir über den Paso del Diabolo - den Teufelspass - wieder nach San Pedro herabfahren sehen wir noch die fantastische Szenerie des Hochlandes mit den zierlichen Vicunyas und anderen Tierarten.



Laurence hat wieder eine Idee. Und das, wo normalerweise immer von mir die verrückten Ideen kommen! Sie plädiert dafür, dass wir noch an den 30 Kilometern von San Pedro entfernten Baņos de Puritama aussteigen können um dort die Thermalbäder zu genießen. Das mit der Rückfahrt wird sich dann schon irgendwie regeln. Ich bin dabei. Dieses Thermalbad ist echt wunderbar. Nach dem Abstieg in einen Caņon trifft man auf eine grüne Oase, die von einem absolut klarem 30°C warmen Bach durchflossen wird. Zwischen kleinen Wasserfällen kann man der Länge nach durch die Teiche schwimmen. Wir bleiben Stunden und Laurence bekommt ohne Probleme eine Rückfahrtmöglichkeit organisiert. Die fragt kurzerhand einen Santiaguino, der hier ebenfalls auf Urlaub ist und mit ihm können wir in seinem kleinen Renault zurück nach San Pedro fahren.

Während ich in San Pedro alles nötige für morgen und die folgenden Tage organisiere, verleihe ich mein Fahrrad an Laurence, die ein wenig damit durch die Umgebung fährt. Ich treffe (schon wieder!) auf die deutschen Reiseradler. Sie sagen mir, dass sie mit dem Rad über den nördlicher gelegenen Pass über Ollagüe fahren wollen, während ihre spanischen Kollegen einen Jeep nach Uyuni nehmen wollen. Es ist schon recht dunkel und ein Fahrrad mit flimmerndem Licht (was auf einen Nabendynamo hinweist) kommt an uns vorbei. Eine von ihnen sagt: "Das sieht ja aus wie Dein Rad." Ups! Ist es auch! Laurence sieht uns, kommt auf uns zu, und sagt uns in klarem Deutsch: "Hier ist das Fahrrad". Die beiden können es nicht fassen, dass ich mein Rad einfach so verleihe. Ich eigentlich auch nicht...

Tag 20:
San Pedro de Atacama / Geiseres del Tatio


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