Zähneputzen mit Arsen
...oder von der größten Kupfermine der Welt
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Calama ist wieder einmal eine nicht besonders sehenswürdige Stadt. Alles was es hier gibt, ist die größte Tagebaumine der Welt und die meisten Menschen hier sind mehr oder weniger im Bergbau angestellt. Ich versuche verzweifelt so etwas wie einen Supermarkt zu finden, doch alles was ich finde, erinnert mehr an eine Lagerhalle. Interessant ist der Blick nach oben, wenn man an der Kasse steht. Quer an der Wand sind Spiegel angebracht. Durch die dazwischen liegenden Hohlräume lugen Gesichter heraus, die jeden Handgriff der Kassiererinnen und Kunden beobachten. Die Angst vor Diebstahl scheint hier keine Grenzen zu kennen...
Dummerweise kümmere ich mich erst spät um die Gabel. Im einzigen Fahrradladen der Stadt solle ja angeblich eine vorhanden sein. Also mache ich mich auf den Weg dorthin und muss auch ihnen noch mal mein Problem von vorne erklären. Die Gabel, von der die Rede war - mit den Ösen - ist natürlich nicht vorhanden. Und die anderen im Angebot sind auch nicht wirklich zufrieden stellend. Und da es schon spät ist, sagt man mir, dass eine neue Gabel erst am nächsten Tag bestellt werden kann. Und dann müsse ich immer noch bis Donnerstag warten, weil sie erst aus Santiago per Luftpost bestellt werden muss. Am nächsten Tag muss ich dann noch mal mit dem Rad vorbeikommen, weil man noch einmal maßnehmen will.
Am Abend sagt man mir im Hostal, dass ich sofort zum Radladen gehen soll - die hätten angerufen. Nun ja, die Gabel ist natürlich noch nicht bestellt. Aber dafür hat man noch irgendwo etwas gefunden, was eventuell passen könnte. Passen tut diese Gabel der Firma Oxford (hier gibt's scheinbar nur Oxford, Shimano und Bianchi) dann doch nicht. Und da mir das Warten um weitere 3 Tage einfach zu nervig wäre, machen sich die beiden Techniker in ihrer ölverschmierten Werkstatt über mein Fahrrad und die Gabel her. Nach dem Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht! Den größten Teil ihrer Zeit widmen sie dabei zwar den Shows mit den leicht bekleideten Damen im chilenischen Fernsehen, doch irgendwie scheinen sie trotzdem voran zu kommen.
Erst am folgenden Mittag komme ich dazu, mir das Ganze mal anzusehen. Da haben die beiden Jungs schon wieder etwas entdeckt, was sie in ihrer Arbeit aufhalten konnte (die leicht bekleideten Mädchen im chilenischen Fernsehen sind eben interessanter als meine Gabel). Der Vorbau und der Konus waren 1 mm im Durchmesser zu breit, um sie mit der neuen Gabel in Einklang zu bringen. Arrrggg!!! Hier passt auch wirklich nichts zusammen!!! Ich frage mich, ob das in Deutschland genauso schlimm ist mit den Normen bei Fahrradgabeln. Also habe ich die beiden Jungs beauftragt doch einfach den Konus und den Vorbau etwas kleiner zu schleifen, so dass alles zusammenpasst. Denn im Flexen, Schweißen und Schleifen sind die beiden Meister. Die neue Gabel passt eigentlich nur in der Länge von Schaft bis Narbe - sonst gar nichts. Aber was soll's! Am Abend kann ich mein fahrbares Rad endlich in Empfang nehmen. Man will mir sogar für die alte Gabel noch Geld geben - hier wird nichts weggeschmissen.
Und bezahlt habe ich (inklusive Trinkgeld) insgesamt 20.000 Pesos (ca. 25 EUR) - also zweitagelange Montage, die Verarbeitung und Gabel und Entfernung vom Schlag aus dem Vorderrad. Eigentlich ein ziemlich annehmbarer Preis würde ich behaupten.
Jetzt habe ich eine ziemlich abenteuerliche Gabel:
- Ösen oben wurden nachträglich eingeschweißt.
- Das Schaftrohr war zu lang und musste abgeschnitten werden.
- Die alten Bremshalterungen wurden abgeflext und neue an einer für die Hydraulikbremsen passenden Stelle angebracht. Die Bremsen sitzen jetzt trotzdem zu tief unten. Was soll's - sie funktionieren...
- und viele, viele Kleinigkeiten mehr...
Interessant ist, dass ich den Leuten im Laden erst einmal klar machen musste, was der Dynamo (Nabendynamo), was die Bremsen (Hydraulikbremsen) usw. sind. Sie waren hin und weg von der Technik, die ich an meinem Rad habe und hätten mir am liebsten das halbe Rad abgekauft.

An der Touristeninformation treffe ich an meinem zweiten Tag in Calama Steffen, für mich der erste Deutsche in Südamerika. Er hat in Santiago einen Spanisch-Sprachkurs gemacht und reist jetzt "mal eben" ein paar Monate durch Südamerika. Es wird leider nichts aus einem Ausflug zum Dorf Chiu Chiu und wir begnügen uns mit dem Parque de Loa, wo eine Nachbildung des Dorfes steht. Von hier aus hat man einen tollen Blick auf die Kulisse der schneebedeckten 6000er, die allesamt noch fast 100 Kilometer entfernt liegen. Der Park wird vom Rio Loa durchflossen; einem kleinen Rinnsal, dass als einziger "Fluss" weit und breit die Atacama durchquert und den Pazifik erreicht. Leider ist er hier schon ziemlich verschmutzt, unter anderem mit Arsen. Das Arsen kommt aus der nahe gelegenen Kupfermine namens Chuquicamata und geht bis ins Trinkwasser. In Calama gibt es einen Laden, in dem man nichts anderes als Wasser in Gallonen kaufen kann. Am Eingang wirbt er groß mit einer Leuchtreklame: "Agua sín Arsenico" - "Arsenfreies Wasser"...
Am nächsten Tag treffen Steffen und ich uns früh am Morgen in der Straße, von wo aus die Sammeltaxis in die einige Kilometer entfernte "Chuqui" abfahren. Jemand fragt mich, wo ich herkomme. Deutschland? Da wäre er auch schon mal gewesen - mit dem Schiff. Ob ich Bremen und Rostock kennen würde? Er wäre aus San Salvador und möchte heute Morgen versuchen, einen Job in der Mine zu bekommen. Das kann man wirklich als ein international geprägtes Leben bezeichnen!
Noch lange bevor wir Chuquicamata erreichen, können wir es aus der Ferne erkennen. Eine riesige Staubwolke steigt über der Siedlung empor und gigantische Berge von Abraum befinden sich überall.
Die Führung wird vom Betreiber "Codelco Chile" kostenlos organisiert, einem Unternehmen, was sich größtenteils in nordamerikanischer Hand befindet. Es gibt bei der Führung zwar eine englische Übersetzerin, doch wäre man ohne Spanischkenntnisse weiterhin ziemlich aufgeschmissen. Erst bekommen wir einen Film über die Mine zu sehen, in dem uns in wie in einem Werbefilmchen die tollen Errungenschaften der Mine vorgespielt werden und was man alles für die Umwelt täte... Danach geht es per Bus und zu Fuß zu den Industrieanlagen. Das Interessanteste ist die Verhüttung des Kupfers, was wir aus nächster Nähe betrachten dürfen. Es ist ziemlich heiß in der Fabrik. Mit meinem Schnupfen kann ich durch die Gasmaske nur schwer atmen und unsere Metallschuhe sehen aus wie aus einem Roman von Jules Verne. Mit riesigen Haken werden Behälter transportiert, in die dann grell leuchtend flüssiges Kupfer fließt was danach in Formen weiterverarbeitet wird.

Der Blick in die Mine ist einfach umwerfend. Obwohl den ganzen Tag Fahrzeuge fahren, die die Straßen gegen den Staub mit Wasser besprühen, wimmelt es nur so von Staub. Wir können kaum bis auf den Grund sehen. Dort unten sind die haushohen Transporter nur noch kleine Punkte und ein Baukran sieht von hier oben aus wie ein Streichholz.
Nach der Führung fahren Steffen und ich zurück nach Calama. Wir fahren mit einem Taxifahrer mit Sonnenbrille, Lederjacke, langen Haaren und Vollbart, der die ganze Zeit Hardrock hört. Er ist ebenfalls vor einiger Zeit zugewandert und sagt uns mit Nachdruck, dass wir soviel Spanisch, wie möglich sprechen sollten - Sonst lernten wir es nie! Welche Sprache er nun original einmal sprach, finden wir gar nicht mehr heraus.
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