Trucks, Geisterstädte, Geier
...und viel, viel NICHTS
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Am Morgen des dritten Tages mache ich mich dann auf in die Wüste. Noch nie bin ich mit meinem Rad durch eine Wüste gefahren und in der Hoffnung, dass meine Gabel die bevorstehenden zwei Etappen gut durchhält, packe ich mein Rad und stürze mich in den chaotischen Verkehr. Aus Antofagasta heraus geht es ziemlich steil bergauf. Jemand ruft mir "Ey, Rico!" hinterher. Ich bin froh, dass ich diese Stadt mit so vielen unfreundlichen Menschen endlich hinter habe. Allerdings sollte ich nicht alles verteufeln - ein paar nette Menschen habe ich hier immerhin getroffen. Durch ein trockenes Tal geht es auf einer mehrspurigen aber kaum befahrenen Straße steil bergauf. Sobald die Straße die Küstenkordillere durchstoßen hat, beginnt die richtige Wüste. Zuerst sehe ich den schmutzigen Salar de Carmen und noch ein paar Siedlungen aus baufälligen Behausungen. Eine Fabrik steht mitten im Nirgendwo und schleudert bei der Produktion von Zement so viel Staub um sich, dass die ganze Gegend in mehreren Kilometern Umkreis in Weiß gehüllt ist.
Danach beginnt die richtige Leere. Die Strasse ist glücklicherweise bis nach Calama gut ausgebaut; in meinem TurisTel-Atlas stehen alle wichtigen Orte, an denen ich Trinkwasser nachkaufen kann. Und das sind auf den insgesamt 213 Kilometern bis Calama sage und schreibe drei Orte...
Durch die Küstenkordillere
Ich habe Rückenwind und verspüre keinen einzigen Lufthauch. Mein Thermometer steigt auf bis zu 40 Grad. In der Sonne wohlbemerkt. Doch Schatten gibt es hier keinen! So weit das Auge reicht nur trostlose steinige Wüste. Die einzige Abwechslung bietet der Verkehr. Das sind fast ausschließlich Trucks, Reisebusse und ein paar Pickups, von denen die meisten freundlich winkend hupen. Sonst passiert nicht viel. Ich sehe zwei Geier, die sich an einem Hundekadaver laben. Ein Autofahrer wirft eine Klopapierrolle aus dem Fenster, die dann in hohem Bogen vor mir durch die Luft fliegt. Ob das als Lametta für mich gedacht ist? Und die Fahrer der riesigen amerikanischen Trucks sind auch nicht so ganz ohne. Irgendwo im Nirgendwo versuchen sich gleich vier Stück an der Zahl - ich weiß nicht wie - gegenseitig zu überholen und brausen von hinten an mich heran. Ein Hoch auf meinen Rückspiegel, so dass ich noch rechtzeitig auf den Straßenrand ausweichen kann!
Einer der drei Orte, an denen ich Wasser kaufen kann, ist das 514 Seelen-Kaff Baquedano. Das sehe ich bereits gute 8 Kilometer vor meiner Ankunft. Es sieht so aus als wenn es nur wenige Kilometer entfernt wäre. Doch Pustekuchen! Die Kilometer werden mehr und mehr und der Ort kommt einfach nicht näher. Alles verkrampft sich und ich gehe schon dazu über die im Nirgendwo verschwindenden Strommasten zu zählen. Nach einer scheinbaren Ewigkeit erreiche ich das Dorf mit schmerzenden Gliedern und genieße erst einmal ein Eis. Mit Wasser versorgen muss ich mich noch nicht, da ich in Antofagasta vorsichtshalber 10 Liter gepackt habe. Danach geht es wieder in die Einöde.
Die Tankstelle Carmen Alto ist der zweite von drei Orten, wo ich meinen Wassertank auffüllen kann. Hier kaufe ich 3 Liter Wasser für fast 3 Euro und fülle meinen Benzintank nach (Der Tankwart weiß gar nicht, was er mit meiner Brennstofflasche anfangen soll - im Endeffekt zahle ich für das Benzin deutlich weniger als für das Wasser.)
Hier verlasse ich die Panamericana und fahre auf der Ruta 5 weiter Richtung Calama. Gegen 6 Uhr geht die Sonne unter und so langsam muss ich einen Platz zum Schlafen finden. Wirklich einladend sieht es hier nirgends aus. Doch die Sonne geht hier sehr schnell unter und vor der Dunkelheit muss ich einen Schlafplatz gefunden haben. In einer kleinen verlassenen Minenstadt namens Oficina Prat schlage ich mein Zelt auf. Es ist schon eine unheimliche Atmosphäre hier. Zwischen den Ruinen dieser Geisterstadt, die schon seit den 30er Jahren nicht mehr bewohnt wird, schlage ich mein Zelt auf. Mit dem Verschwinden der Sonne wird es schnell kälter und ich muss mir eine gefütterte Hose, Pullover und Jacke überziehen. Als Ausgleich bietet sich mir ein umso beeindruckender Sternenhimmel. Die Milchstraße ist ganz klar zu erkennen. Alles ist neu, ich kann keines der mir bekannten Sternzeichen wieder erkennen und überhaupt scheint es hier viel mehr Sterne zu geben. Ich sitze lange vorm Zelt und blicke einfach nur so nach oben.
Doch den ganzen Tag über habe ich Probleme mit einem trockenen Hals gehabt, musste viel Husten und fühle mich nicht besonders gut. Das einzige, was ich noch von mir geben kann, ist ein heiseres Krächzen. Ausgerechnet jetzt gibt die Batterie meines Fieberthermometers ihren Geist auf. In einem letzten Energiestoß zeigt es mir noch eine Temperatur von 38,4 C° an. Zeit zum Schlafengehen...
Geisterstadt
Kurz nach 6 Uhr stehe ich auf. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, es ist gerade erst ein schmales leuchtendes Band am Horizont zu erkennen. Während des Frühstücks taucht die aufgehende Sonne die Umgebung in ein faszinierendes Licht und lässt die Ruinenstadt umso gespenstischer wirken.
Über eine kleine Holperpiste fahre ich wieder auf die Straße zurück. Zu allem Unglück hat der Wind über Nacht gedreht und kommt nun direkt von vorne. Gestern habe ich gar nicht bemerkt, wie kräftig der Wind hier in der Wüste ist und bin selbst längere Anstiege locker mit 20 km/h bergauf gefahren. Heute bekomme ich das totale Gegenteil zu spüren. Fast den ganzen Tag über liegt meine Geschwindigkeit zwischen 8 und 16 km/h. Solche Anstiege, die ich gestern locker "hinaufgeschoben" wurde, bemerke ich erst heute! Denn die Anstiege sieht man hier in der Weite der Wüste gar nicht! Auf scheinbar ebener Fläche geht es dann ständig bergauf und der Wind kann einem mit voller Kraft entgegensetzen.
Bei einer der Ruinenstädte winkt mir ein kleiner Junge mit seinen Eltern fröhlich zu. Einige Zeit später überholen sie mich in ihrem klapprigen Chevrolet Pickup. Der Vater steigt aus und erzählt mir einiges, was für mich sehr unverständlich ist, da er leider eine sehr undeutliche Aussprache hat. Ich verstehe, dass er es in seiner Jugend einmal mit dem Fahrrad in 6 Stunden von Calama nach Antofagasta und umgekehrt in 9 Stunden geschafft hat - sicher als Rennradler. Davon kann ich heute nur träumen.
Nach einer Weile bin ich bin ernsthaft am zweifeln, wie ich die 95 Kilometer heute bis nach Calama vor der Dunkelheit schaffen soll. Es geht einfach nicht vorwärts. Die Kommune Sierra Gorda sehe ich wie so vieles lange vor meiner Ankunft. Von hier aus wird es absolut keine Abwechslung mehr geben. 65 Kilometer habe ich hinter Sierra Gorda noch zu fahren - nicht einmal Ruinen gibt es dort. Ein kleiner Junge auf seinem Mountainbike fragt mich, wo ich denn herkomme. Aus Antofagasta sage ich ihm. Nun ja, genauer aus Deutschland per Flugzeug, korrigiere ich mich. Dass ich mit dem Flugzeug nach Chile gekommen bin, findet er scheinbar viel cooler als dass ich mit dem Rad durch die Atacama fahre...
Von Sierra Gorda aus sehe ich bereits einen Anstieg in der Ferne. Die Strasse verliert sich im Nirgendwo. Stunden später habe ich das "Nirgendwo" erreicht, das von Sierra Gorda aus für mich der Horizont war - über 20 Kilometer und unglaubliche Anstrengungen später. Scheiß Gegenwind!
Nun wäre ich drauf und dran meinen Radlerstolz hinzuschmeißen und in den nächstbesten Wagen zu steigen, wo mir eine Mitfahrgelegenheit angeboten wird. Natürlich bietet sich eine solche Möglichkeit nie, wenn man sie wünscht. Die Langeweile auf dieser Strecke ist einfach unglaublich. Zwei Tage lang einer einzigen Asphaltstrasse folgen zu wollen - wie kann man nur so dumm sein??? Anfangs habe ich mir noch gesagt, dass ich alle 10 Kilometer einen Zwischenstopp einlegen werde. Im Endeffekt stoppe ich mindestens alle 5 Kilometer, um der Langeweile zu entgehen und dem schmerzenden Hintern (trotz neuer Radhose) eine Erholung zu gönnen.
Wahnsinns Ausblick? Zum wahnsinnig werden, ja...
Nach unendlichen Qualen bin ich endlich so weit oben, dass ich einen schönen Ausblick bis nach Calama und die dahinter liegenden schneebedeckten Vulkangiganten der westlichen Andenkordillere habe. Ich stoppe kurz, um ein Foto zu machen. Der Fahrer des klapprigen Chevrolets von heute Morgen kommt wieder an mir vorbei und sagt mir, dass es nun nur noch 32 Kilometer bis Calama seien. Und: Was viel wichtiger für mich ist. Es geht teilweise leicht bergab und ich habe nach einer Kurve endlich Rückenwind! Natürlich kommt Calama nicht so schnell näher wie es der Blick vortäuscht, doch das zählen der Kilometer und Meter auf dem Fahrradcomputer (fast die einzige Abwechslung für mich heute) verläuft schon wesentlich schneller als am Vormittag. Die Reklameschilder beginnen wieder und ich verwechsle eines von ihnen aus der Ferne mit dem eines französischen Leclerc-Supermarktes. Ich träume schon von leckerer französischer Schokolade, als sich das Schild letztendlich als eine Baumarktwerbung entpuppt...
Dann endlich geht es über eine holprige Strasse in die Stadt. Das erste Hotel, das ich aufsuche, ist leider voll. Beim Casa de Huespedes finde ich ein Zimmer für 8.000 Pesos (etwa 10 Euro) pro Nacht. Ich kann mein Fahrrad mit ins Zimmer nehmen und komme in den Genuss einer versifften aber schön heißen Dusche. Heute bin ich fast den ganzen Tag mit Jacke gefahren - wegen des kühlen Gegenwindes und meinen Problemen mit Hals, Nase und schmerzender Lunge. Die Erschöpfung zeigt sich erst am Abend. Noch bevor ich mein Gepäck vom Rad genommen habe, werfe ich mich aufs Bett. Das war ein Fehler. Als ich mich eine halbe Stunde später dazu überwinde aufzustehen, werde ich vom Schüttelfrost gepackt. Erst nach der heißen Dusche - und nachdem ich mich in dicke Klamotten gepackt habe - geht es mir besser. Ich schaffe es noch zum Einkaufen und Abendessen zu gehen, ohne dass ich Probleme dabei habe. Doch beim Zubettgehen schlägt der Schüttelfrost wieder voll zu und ich verkrieche mich tief unter meiner Bettdecke und dem Winterschlafsack. Bei Bewegungen habe ich starke Schmerzen in den Venen der Gelenke. In der Nacht wache ich mehrmals auf, teils überhitzt und schwitzend, teils frierend. Ich verbrauche haufenweise Taschentücher und Huste viel. Ich überlege, ob ich eine Tablette gegen Fieber nehmen sollte - doch die würde wieder nur die Symptome unterdrücken und nicht den das eigentliche Problem beseitigen. So schlafe ich einfach soviel ich kann. Nach gut 12 Stunden Schlaf geht es mir schon viel besser. Die Beine sind zwar noch etwas weich und der Schnupfen sehr stark, aber ich kann mich schon wieder problemloser bewegen und vor dem Frühstück noch ein wenig einkaufen.
| Tag 12: |
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Antofagasta - Ex-Oficina Prat |
ca. 127 km |
| Tag 13: |
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Ex-Oficina Prat - Calama |
98,42 km |
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