Absturz in die Yungas

Aus dem BikeBuch Lateinamerika:
"Naß, feucht und neblig - so zeigen sich die dichten und gespenstisch anmutenden Berg -und Nebelwälder der Yungas an den fast vertikal abfallenden Hängen der Anden im Nordosten. Obwohl das rheumaverdächtig klingt, herrscht in den tief eingeschnittenen fruchtbaren Tälern der Zuflüsse des Río Bení und des Río Mamoré zwischen 750m und 1500m Höhe ein relativ verträgliches Klima. Die Yungas mit ihren Flechten, Moosen, Farnen, Orchideen und Epiphyten entsprechen oft eher unserer Dschungelvorstellung als die Wälder des Amazonastieflandes. Dies ist die wichtigste Coca-Anbauregion des Landes. Was einen Besuch der Yungas schwierig macht, sind die fehlende Infrastruktur und desolate Straßenverhältnisse."


Es wird ein langer Tag heute. Um 6.30 Uhr stehe ich auf, packe mühsam den Rest meiner Sachen, um um 7.45 Uhr im Büro des Tourenorganisators zu sein. Melanie und Christian sind schon da und frühstücken. Dafür, dass das Frühstück nur 2 $US extra gekostet hat, ist es schön reichhaltig. Rührei, Milch (mit Kaffee und Zucker), leckere Brötchen mit Käse, eine Apfelsine und ein großer frisch gepresster Fruchtsaft.
Danach versuchen wir mit einigen Problemen mein Rad auf den Tourenwagen zu wuchten. Der Fahrradständer ist natürlich nur für 26-Zoll-Fahrräder ausgelegt, doch was ein richtiger Bolivianer ist, kann auch mein Rad darauf befestigen. Danach geht es zum Abra La Cumbre. Vor dem Pass gibt es eine Drogenkontrolle der Polizei, um die herum viele Marktstände aufgebaut sind. Die Spezialität hier scheinen frisch gebratene Hühnchen mit einer Tomate im Hintern zu sein. Da fragt man sich nur, was die eigentliche Todesursache der armen Tierchen war...

Oben am Pass angekommen ziehen wir uns warm an. 3000 Meter Höhenunterschied erwarten uns! Noch frieren wir, packen uns in Mütze, Schal, Handschuhe, lange Hose und dicke Jacke ein. Am Ende des Tages werden wir nur in T-Shirt und kurzer Hose stecken. Doch alles der Reihe nach...
Kaum, dass man um die erste Kurve fährt, eröffnet sich einem ein wahnsinniger Ausblick. Zwischen immer gigantischer werdenden Bergen geht an der Seitenwand eines großen Tales bergab. Ich stehe eine Weile an einer Klippe und lasse die Aussicht auf mich wirken. Nach und nach überholt mich der Rest der Gruppe von 8 Leuten. Alle scheinen dem Geschwindigkeitsrausch verfallen zu sein und ich mache mir ernsthafte Sorgen um die Gesundheit der anderen. Noch ist die Straße asphaltiert, doch der Asphalt ist glatt und würde beim Ausrutschen kaum Halt bieten; Leitplanken gibt es natürlich nicht. Teilweise fahren sie so schnell, dass es mich nicht wundern würde, wenn am Ende des Tages die Hälfte der Gruppe als "Kollateralschaden" eine Klippe heruntergeplumst wäre. Vielleicht bin ich auch etwas hochnäsig da ich schon so viele Kilometer hier in Bolivien auf dem Rad zurückgelegt habe, aber irgendwie meine ich die Kräfte in meinem Fahrrad doch wirklich besser einschätzen zu können, wenn ich mir das so ansehe.
So wäre ich schnell der Letzte in der Truppe, wenn da nicht zwischendurch ein paar Anstiege wären, an denen ich die anderen mühelos überhole. Einige fangen schon zu quengeln an - sie wären am liebsten den ganzen Tag bergab gefahren - wie es der Werbeprospekt verspricht. Ein französisches Pärchen setzt sich sogar wieder in den Wagen, bis die Anstiege vorbei sind. Tolle Sportsfreunde! So langsam bin ich an mir am zweifeln, was mich geritten hat, an einer solchen organisierten Tour teilzunehmen. Nun gut, es hat auch seine Vorteile. Schließlich kann ich mein Gepäck in unserem Begleitwagen lassen, während die Straße immer gefährlicher wird und ich bekomme Verpflegung gestellt. Das war zwar eigentlich nicht so abgemacht aber unsere beiden Reiseleiter scheinen nichts davon zu wissen. Da sage ich nicht Nein...



Noch einmal geht es durch eine Drogenkontrolle der Armee und kurz danach beginnt der spektakulärste Teil der Yungas.
Wo der Asphalt endet, stehen wir an einer Klippe und blicken in diesige Wolken hinunter. Die Tiefe der Schlucht können wir nur erahnen. Die Yunga-Straße wurde übrigens ursprünglich von den Inkas gebaut, um ihrem Reich eine Verbindung in das Amazonas-Tiefland zu geben. Und auch heute noch ist sie die einzige Straße, die La Paz mit dem Tiefland verbindet, somit herrscht in diesem Nadelöhr natürlich eine Menge Verkehr.

Auf einer Piste, die ursprünglich für den Warentransport mit Lamas konzipiert war, brettern nun Lastwagen und Busse in halsbrecherischem Tempo auf und ab. Um wenigstens ein wenig "Ordnung" in diesen Verkehr zu bringen, hat man beschlossen, die herabfahrenden Fahrzeuge links fahren zu lassen - am Klippenrand - und bergauf fahrender Verkehr hat Vorrang. An vollkommen unübersichtlichen Stellen fungieren Menschen als Ampeln. Sie halten ein mit Plane bespanntes Holz nach oben, das auf der einen Seite grün, auf der anderen Seite rot ist. Sobald man Rot auf seiner Seite hat, sollte man schnell die nächste Ausweichstelle erreicht haben oder sich mit dem Fahrrad an die rechte Felswand schmiegen, da in Kürze ein LKW oder ein Bus die Straße hochgebrettert kommt.
Es wirkt wie ein Wunder, dass die Straße - die sich so eng in die Steilwand schmiegt - nicht unter dem vielen Verkehr längst in die Tiefe gestürzt ist, doch genau dieses Schicksal hat schon viele Busse und LKWs ereilt, aber auch scheinbar ein paar Radfahrer. An einigen Stellen hat man noch Platz gefunden Kreuze aufzustellen, wovon es so einige gibt. Auf diesen Kreuzen sieht man oft Namen von Deutschen, Neuseeländern, Schweizern, Niederländern und Engländern, die hier im Laufe der Jahre in die Tiefe gestürzt sind. Manchmal wage ich einen Blick in die Tiefe, doch dort unten lassen sich keine Wracks erkennen. Man sieht nur dichten Urwald, der sicher alle Spuren eines Unfalls schnell überwuchert hat.
Urwald! Nach den öden Wochen in der Atacama und auf dem Altiplano sehe ich endlich einmal wieder dichte Wälder. Farne bedecken die feuchten Steilwände und überall krallen sich die Bäume und Büsche mit ihren kräftigen Wurzeln fest.









Doch auf die Dauer wird die Straße zu einer Tortur für mich. Die anderen kommen mit ihren gefederten Mountainbikes viel schneller voran, während ich den meisten Steinbrocken ausweichen muss und trotzdem wie ein Karnickel über die Straße hüpfe. Durch die starke Vibration löst sich einer meiner Flaschenhalter und immer wieder muss ich Schrauben an meinem Rad festziehen. Kaum habe ich es dann geschafft, bis zu meiner pausierenden Gruppe vorzustoßen, fahren die auch schon wieder los. Das sollte mich ja nicht sonderlich stören, wenn da nicht der zweite Reiseleiter wäre, der mir ständig dicht auf den Fersen ist und meinen Aufpasser spielt. Als er mir dann zum wiederholten Male bei einer Fotopause hintenrein fährt, bin ich kurz davor ihn wütend anzuschreien und würde ihn am liebsten die Klippe runterschubsen!
Ich habe die Schnauze voll! Nie wieder werde ich an einer organisierten Radtour teilnehmen. Nie!

Es geht noch eine Weile weiter bergab. In der Ferne kann ich schon mein Tagesziel Coroico auf gleicher Höhe erkennen. Doch es geht immer weiter bergab. Die Straße wird immer staubiger und wir kommen durch die ersten Bananenplantagen. Nachdem wir noch ein paar Bäche durchquert haben, kommen wir endlich in Yolosa an.

Hier ist die organisierte Tour zu Ende. Ich bin unheimlich glücklich, endlich wieder das Gepäck auf mein Rad schnallen zu können und die Fahrt alleine und endlich wieder bergauf fortsetzen zu können. Nachdem ich sagenhafte 3000 Höhenmeter bergab geholpert bin, habe ich dicke Blasen an den Händen und möchte endlich wieder bergauf fahren können. Dieser Wunsch wird mir erfüllt. Bis Coroico habe ich 500 Höhenmeter zu erklimmen.
Ich verabschiede mich von Christian und Melanie. Die beiden werden in zwei Tagen zurück nach Deutschland fliegen und sind so freundlich mir meine bisher belichteten Filme mit nach Deutschland zu nehmen.


Lesen macht gläubig?

Auf einer gepflasterten Straße geht es 7 Kilometer bergauf nach Coroico. Ich fühle ich mich ein wenig wie Superman, da ich nach den Wochen auf dem Altiplano dünnere Luft gewohnt bin und hier in der dicken Luft keine Atemprobleme mehr habe. Selbst den verkrusteten Hals spüre ich kaum noch, und das obwohl ich gerade erst hier unten angekommen bin. Trotzdem nähere ich mich dem Dorf nur schleichend und als ich die Plaza erreiche, ist die Dämmerung bereits hereingebrochen. Sofort kommen zwei Leute auf mich zu; nach den ganzen Strapazen bin ich kaum noch fähig irgendetwas aufzunehmen. Einer von ihnen läuft winkend hinter mir her und ruft "Hello!" um auf sich aufmerksam zu machen, der andere ist ein Schlepper für ein Hotel. Es ist kaum zu glauben! Der grauhaarige Mann, der hinter mit hergelaufen ist, ist ein Reiseradler aus Hamburg!!! Wir verabreden uns für heute Abend und ich wende mich wieder dem Schlepper zu.
Er habe da ein nettes kleines Hotel, sagt er mir. Für nur 40 Bs (5 Euro) die Nacht könne ich dort inklusive Frühstück übernachten. Gutgläubig gehe ich auf das Angebot ein. Als ich vor dem beschriebenen Hotel stehe, bin ich doch etwas verdutzt. Das ist tatsächlich die Nobelhütte, die ich schon beim Aufstieg gesehen habe und als unbezahlbar eingestuft habe. Ich frage ein gut gekleidetes Pärchen, das vom Hotel kommt, ob das denn wirklich so billig sei. Die verstehen die Frage nicht, sagen mir aber, wo die Rezeption sei. Ok, an der Rezeption kommt dann der Hammer: Die nette Dame lässt mich wissen, dass mich die Übernachtung 80 Bs ohne Frühstück kostet. Ich hätte kaum noch die Kraft zu einem anderen Hotel zu gehen, tue aber so als ob:
"Der Mann dort oben hat mir aber gesagt, dass ich es für 40 Bolivianos MIT Frühstück bekommen könnte." sage ich ihr.
Ihre Antwort ist für mich total unerwartet: "Ok, das ist dann ein spezieller Preis. Aber nur, weil Dir das der Chico dort oben gesagt hat, entiendes? Aber nicht weitersagen!"
So langsam liebe ich diese Schlepperkultur hier in Bolivien und das Feilschen um die Preise! Besonders, da das sogar selbst in guten Hotels zu funktionieren scheint.
Beim Anblick meines Zimmers kippe ich dann fast aus meinen verschwitzten Latschen. Ich habe frische Bettwäsche und ein eigenes Bad mit gewaschenem Handtuch, BD (naja), Badewanne UND einer Rolle Klopapier!!! Ich bin total perplex!

Am Abend besuche ich Hans aus Hamburg in seinem Hotel, obwohl mir mein Körper sagt, dass ich unbedingt schlafen gehen sollte. Kraftlos quäle ich mich die vielen Treppenstufen nach oben zu seinem Hotel. Hans freut sich über meinen Besuch und wir sitzen bis Mitternacht auf der Terrasse mit tollem Ausblick auf die in der Dunkelheit liegenden Yungas. Hans erzählt mir, dass er schon seit Feuerland mit dem Fahrrad unterwegs ist. Und das in seinem stattlichen Alter von 63 Jahren! Gleich nachdem er Rentner geworden ist, hat er sich auf den Weg gemacht seinen lange gehegten Traum zu erfüllen, gegen den Willen seiner Frau, was wohl das Beachtlichste an der ganzen Sache ist. Er ist im Januar losgefahren und möchte es bis zum Dezember nach Venezuela geschafft haben.
Als ich zurück zu meinem Hotel gehe, stehe ich dort vor verschlossenen Türen! So ein Mist! Lange stehe ich am Eingang und drücke auf die Klingel, ohne dass irgendeine Reaktion folgt. Ich klettere über Mauern und schleiche mich um das ganze Hotel, um einen Eingang zu finden. Es ist unfassbar! Selbst die Hintertüren sind von innen mit dicken Kettenschlössern gesichert! Ich benutze meine Kamera als Taschenlampe und schleiche wie ein Dieb durch das ganze Gebäude. Die einzigen geöffneten Türen führen mich in zwei modrig riechende Schlafkammern für das Personal, wo ich allerdings niemanden antreffe. Ich finde eine morsche Leiter und denke schon daran so in das Hotel zu kommen. In einem nahe gelegenen Häuschen brennt noch Licht. Entnervt klettere ich über dessen Mauer und klopfe an die Tür. Ich habe Glück, dass der Hausmeister hier wohnt. Verdutzt öffnet er die Tür und fragt mich was denn los sei. Aus dem Inneren des Hauses kommt eine müde Frauenstimme: "¿Quien es?". "Nur ein Gringo." antwortet er ihr. Na, vielen Dank auch!
Ich erkläre ihm die Lage und nachdem er sich selbst davon überzeugt hat, dass der Nachtportier nicht öffnen will, holt er den Kellner, der auch in der Nähe wohnt. Der wiederum weckt durch ein Fenster die Chefin und die wiederum weckt den schlafenden Nachtportier. Nach einer Weile öffnet dieser mir mit Kissenfalten im Gesicht die Tür. Wenn ich nicht selbst total müde wäre, hätte ich ihn als unfähiges "sonstwas" beschimpft. Ich bin zu nichts mehr zu gebrauchen und falle ohne vorher die Zähne zu putzen ins Bett.


Ausblick vom Hotel

An den folgenden beiden Tagen liege ich fast nur im Bett. Ich habe mir eine üble Magen-Darm-Infektion zugezogen, fühle mich kraftlos und habe das Gefühl Glasscherben scheißen zu müssen. Während der Hausmeister meine ständig fließende Dusche repariert, liege ich nur im Bett und kann ihm keines Blickes würdigen. Ich schaffe es nur mit schweren Beinen bis zum Frühstückstisch und verziehe mich gleich danach wieder ins Bett. Am ersten Tag quäle ich mich schwitzend bis zu Hans' Hotel. Wir gehen mit einer deutschen Motorradgruppe in dem gegenüberliegenden Restaurant essen, welches von einem Deutschen geführt wird. Ich bekomme nur einen Kamillentee und ein halbes Bier herunter und muss mich danach fast übergeben, als die Anderen die Nudelgerichte serviert bekommen. Lieber gehe ich wieder zurück ins Hotel. Hans hat sich dazu entschieden noch einen Tag länger mit der Abreise zu warten. Wir haben sowieso das gleiche Ziel und können zusammen weiterfahren.
Am nächsten Tag geht es schon etwas besser mit dem Laufen und ich schaffe es vorm Hotel mein Fahrrad mit dem Gartenschlauch zu waschen. Dabei spricht mich eine Engländerin an, ob wir uns nicht kennen würden. Ich kann ihr Gesicht zuerst nicht einordnen, dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Ich kenne sie aus San Pedro in Chile! Es ist echt verwunderlich, wie oft ich auf dieser Reise noch Menschen wieder treffen werde, die ich eigentlich von ganz woanders kenne.
Am Abend gehe ich wieder mit Hans und den Motorbikern essen und ich schaffe es fast eine ganze Portion Käsespätzle zu verdrücken. Wir unterhalten uns lange über das Malaria-Risiko in der Gegend und kommen zu dem Schluss, dass eine Prophylaxe ziemlich sinnlos ist. Besonders, da sie in den meisten Fällen sowieso nicht wirkt und die tödliche Malaria Tropica in dieser Region nicht existiert. Ich habe mir in La Paz das einzig verfügbare Prophylaxemittel namens "Retens" gekauft und es hier in Coroico wieder abgesetzt, seitdem sind meine Probleme mit dem Durchfall weniger schlimm. Ich denke, dass die Tabletten zum Teil mit für meine Gesundheitsprobleme in den letzten beiden Tagen verantwortlich waren.
Für morgen traue ich es mir wieder zu mit dem Rad weiterzureisen.

Tag 37:
La Paz (3819m) - Abra La Cumbre (4725m) - Yolosa (1470m) - Coroico (1983m)
-Tacho defekt-
Tag 38:
Krank in Coroico
Tag 39:
Krank in Coroico


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