Die Friedliche? - La Paz

Der Bus kommt um 4 Uhr morgens in Oruro an. Ich kann meinen Discman in der Hektik des Umsteigens nirgends finden. Er muss bei dem vielen Geholpere zwischen meinen Füßen irgendwo anders hin weggerutscht sein und bei dem Gedränge ist kein Durchblick zu bekommen. Ich vergesse den Discman und versuche hektisch den Bus nach La Paz zu finden. Dabei muss ich zwischendurch bei einer Wegelagerin noch 1,50 Bs andrücken, die ich für diese zeitraubende Angelegenheit am liebsten erschlagen hätte! Nach einigem Hin -und Her klappt es dann doch alles und ich sitze neben einem Engländer im bequemen Bus nach La Paz. Ich kann nur wenig schlafen.
Nach Sonnenaufgang kommen wir schließlich in El Alto an. Eine hektische Vorstadt umgibt uns und mir wird es schon ganz mulmig zumute bei dem Gedanken, in dieser riesigen Vorstadt auszusteigen. Doch ich will es so. Ich will mir nicht die mühsam erfahrenen Höhenmeter vom Bus rauben lassen und möchte mit dem Rad von El Alto in das Tief im Tal gelegene La Paz fahren. El Alto ist die Armenstadt Boliviens. Sage und schreibe 80% seiner Einwohner sind arbeitslos oder arbeiten in der Schattenwirtschaft, überall gibt es Märkte und überall versuchen Ambulatorios - fliegende Händler - ihre spärliche Ware an den Mann oder die Frau zu bringen. Diese so gennante Oberstadt Boliviens ist der Kälte des 4100 Meter hohen Altiplano schutzlos ausgeliefert und den meisten Ausländern eigentlich nur durch eines bekannt: Den höchsten internationalen Flughafen der Welt. Der El Alto International Airport, Hauptflughafen der "de Facto-Hauptstadt" La Paz, an dem die meisten Touristen in Bolivien einreisen. (eigentlich ist Sucre die Hauptstadt Boliviens, doch alle wichtigen Ministerien und der Präsidentensitz befinden sich in La Paz).
El Alto hat keine Busstation. Der Bus hält einfach am Straßenrand und lässt mich aussteigen. Unvorbereitet finde ich mich im dichten Gewühl einer Großstadt wieder. Auf der Straße rasen Unmengen alter Taxis, japanischer Kleinbusse und klappernder LKWs an mir vorbei, während ich mein Rad aus dem Gepäckraum hole. Überall hört man Menschen lauthals um Kunden rufen und ständig hupen die Autos im Konzert. Und das schon so früh am Morgen! Die quirlige Atmosphäre ist faszinierend und Angst einflößend zugleich. Mein Busfahrer springt gleich mit ein in den hektischen Rhythmus. Er ruft mir aus dem Fenster zu, dass er keine Zeit mehr habe und jetzt weiterfahren werde.
Arschloch! Am liebsten würde ich diesem "...!" an die Gurgel springen. Selbst lassen einen die Busfahrer immer gerne lange warten aber wenn sie dann selbst mal warten müssen, ist jeder Spaß vorbei. In der ganzen Hektik vergesse ich sogar meine Taschen aus der Gepäckablage über meinem Sitz mitzunehmen und der freundliche Engländer reicht sie mir schnell nach. Irgendwie klappt dann doch noch alles und nach einigen Minuten habe unter den skeptischen Blicken der um mich herum Stehenden mein Rad bepackt. Ich frage eine Frau noch nach der Richtung und schon geht es hinab in den Talkessel von La Paz.

An der Mautstelle der Autopista fällt der Altiplano ganz unvermittelt in das tiefe Tal von La Paz ab. In der Talsenke zu meiner Rechten stehen winzig erscheinende Wolkenkratzer und je höher die Häuser liegen, desto ärmlicher sind sie. An den Steilhängen ziehen sich bis hoch zum Altiplano die Slums hinauf, doch die bestehen hier nicht nur aus Blech und Holz - dafür wäre es hier viel zu kalt. In beachtlicher Gemeinschaftsarbeit haben es auch die Ärmsten der Ärmsten geschafft, sich feste Häuser aus Lehmziegeln zu bauen.
Vor der Mautstelle treffe ich tatsächlich auf drei einheimische Radler, die sogar recht sportlich angezogen sind. Ich frage sie, welches denn der beste Weg runter in Tal wäre und einstimmig antworten sie mir "La Autopista!" - Die Autobahn. Also rase ich einfach durch die Mautstelle durch und fahre kurz danach am Schild "No Bicicletas" vorbei. Daran scheint sich hier sowieso niemand zu stören. Der Seitenstreifen bietet sich geradezu als Radweg an und es gibt sogar einige Jogger, die ihn für ihr morgendliches Training benutzen. Beeindruckend, was für Leistungen diese Leute in dieser dünnen Luft erbringen können.
Ich fahre hier auf dem besten Asphalt, den ich je in Bolivien gesehen habe, doch immer noch muss ich auf "Unebenheiten" wie am Straßenrand wartende Pendler und fehlende Gullydeckel achten. Die Aussicht auf das 500 Meter unter mir liegende Zentrum raubt mir die Konzentration.



Nach der langen Abfahrt und wahrlich atemberaubenden Anstiegen in den Gassen der Altstadt erreiche ich das Hotel Rosario. Hier sagt man mir nur in perfektem Englisch, dass alles belegt sei und ich doch bitte mein Rad aus der Eingangshalle bewegen möchte. Das mache ich zu seinem Missfallen allerdings erst, nachdem ich im Reiseführer nach einer Alternative nachgesehen habe. Nach einigem Hin -und Her finde ich dann das Hotel El Viajero, muss dort aber alles Gepäck in den 1. Stock tragen. Wie gut, dass mich der Rezeptionist fragt, ob ich mir mein Zimmer vorher ansehen möchte, das vorgesehene Zimmer sieht nämlich wie in einem Stundenhotel aus: Rosarote Wände mit nackten Comicfiguren, ein verdunkeltes Fenster und Brandflecken in der Bettdecke. Wie gemütlich! Da bezahle ich lieber 50 anstatt 40 Bolivianos und nehme ein viel schöneres Zimmer mit eigenem Bad, das auch nicht so sehr nach Stundenhotel aussieht. Das Hotel ist sowieso ziemlich komisch. Die Besitzer sind Israelis und die meisten Hinweise an den Wänden sind nur auf Hebräisch verfasst. Schalom in La Paz!
Später erfahre ich, dass viele Israelis aufgrund ihrer ziemlich unbeliebten Art in einigen Unterkünften in Bolivien nicht mehr geduldet werden. Im Gegenzug reisen viele von ihnen nur noch mit Reiseführern herum, die billiges und israelisches Essen sowie billige und israelische Unterkünfte beinhalten. Es bleibt jedem selbst überlassen, zu beurteilen, ob das die Völkerverständigung fördert...
Die Völkerverständigung ist mir jedenfalls erst mal egal und ich genieße die erste richtige Dusche nach zwei Wochen!!! Danach frühstücke ich im israelischen Restaurant nebenan. Seltsam, dass einige Dinge auf der hebräischen Speisekarte billiger sind, als auf der englischen. Ich kann leider kein Hebräisch und so bezahle ich horrende 21 Bolivianos (2,50 EUR) für ein Frühstück mit Fruchtmüsli und einen Cappuccino. Fast so teuer wie zu Hause.

Danach mache ich mich auf den Weg zum Mercado Negro, den ich heute zweimal besuchen werde. Das "Negro" im Mercado empfinde ich eigentlich als Enttäuschung: Es gibt kaum Kopien von Markenklamotten, keine frechen T-Shirts wie in Asien und meistens nur Kopien von jahrealter Software und Filmen. Dafür macht das Einkaufen von Lebensmitteln umso mehr Spaß. Ich lasse mich über mir neue Gerichte beraten und feilsche immer wieder um den Preis. Der Markt ist riesig und erstreckt sich durch unzählige Gassen. Von Taschentüchern, über Zahnbürsten, Cornflakes (leider immer noch kein Müsli), Lamakäse, Klamotten und Computern kann man hier alles kaufen. Ich verlaufe mich und finde nur schwer wieder heraus. Immerhin finde ich einen schönen neuen Discman für 29 US$. Nun ja, auf dem Discman steht zwar Sony, doch auf hartnäckige Nachfrage hin erfahre ich, dass es sich nur um "Sony-Technik" handelt.
Am Abend ist mein Kopf so voll von den vielen neuen Eindrücken, dass ich sie nur schwer verarbeiten kann. Geschafft lasse ich mich ins Bett fallen.
Gestern Morgen erst bin ich auf dem ruhiger Salar de Uyuni aufgestanden und schon heute finde ich mich in dieser quirligen Großstadt wieder. Krasse Gegensätze.

Die Bremsklötze meiner Hydraulikbremsen sind so langsam am Ende und ausgerechnet für diese einzigartigen Teile habe ich keinen Ersatz mitgenommen. Meine Eltern haben mir Ersatz an die Deutsche Botschaft in La Paz geschickt und so lasse ich mich am nächsten Morgen von einem Taxifahrer dorthin bringen. Ich sage ihm, dass ich zur Deutschen Botschaft möchte und er fragt nur "Avenida Arce, ¿no ve?". Das ist richtig und ich bejahe. Doch dann will er mich vor der streng bewachten US-Amerikanischen Botschaft absetzen und kann gar nicht verstehen, dass ich dort nicht aussteigen will. "Señor, das ist die amerikanische Botschaft", weise ich ihn mit einem Fingerzeig auf die gestreifte Flagge hin, "Ich wollte zur Deutschen". "Ach? Da besteht ein Unterschied?" fragt er mich verdutzt. Nach dem Motto: Alle 'Gringos' sind US-Amerikaner. Grummel.
In der Deutschen Botschaft frage ich schüchtern auf Spanisch: "Kann ich Deutsch sprechen?"
"Ja, sprechen Sie Deutsch, bitte!", bekomme ich in hochdeutschem Beamtenton zur Antwort. Eine seltsame Atmosphäre hier. Neben mir sitzen eine Nonne und ein Bolivianer, die offensichtlich auf einen Termin warten, der Beamte sitzt hinter einer dicken Glasscheibe. Post ist für mich leider keine angekommen, also müssen es meine Bremsen noch länger ohne Ersatz durchhalten.

Danach geht es zum Oficina del Guía Boliviana de Transporte y Turismo, die laut meinem Reiseführer alle Fahr -und Flugpläne des Landes verfügbar haben sollen. Die angegebene Adresse ist eines dieser gläsernen Bürohochhäuser, von denen es hier im Botschaftenviertel viele gibt. Ein gut gekleideter Portier in der Eingangshalle fragt mich nach meinem Ziel. Ich habe keine Ahnung, was ich ihm sagen soll und halte ihm einfach meinen Reiseführer unter die Nase. Er weiß sofort, wo ich hin muss. Man bringt mich mit dem Aufzug ein Stück nach oben und hinter einer nüchternen Tür mit der Aufschrift "4-C" befindet sich tatsächlich das besagte Büro. Ich werde an eine nette Dame weitergeleitet. Mit ihr möchte ich Bootsverbindungen zwischen Guanay und Rurrenabaque ausfindig machen, wofür sie scheinbar in ganz La Paz herumtelefoniert, leider ohne Erfolg. Eigentlich habe ich das Gefühl hier zu stören, da es alles ganz und gar nicht wie eine Touristeninformation, sondern eher wie ein nüchternes stinknormales Firmenbüro aussieht. Doch die Dame sieht das offensichtlich ganz anders und schenkt mir noch als "Entschuldigung" für ihre vergeblichen Mühen noch das Branchenbuch mit den Fahrplänen. Dann möchte sie noch wissen, woher ich überhaupt von dieser Adresse erfahren habe und ich zeige ihr die entsprechende Passage im Reiseführer. Sie freut sich sehr, dass ihr Büro in einem deutschen Reiseführer genannt wird und schreibt sich gleich die E-Mail Adresse des Autoren auf.


Blick auf den Illimani

In La Paz bin ich auch das erste Mal wieder an die weltweite Kommunikation angebunden. Zum Teil zumindest...
Kaum dass ich die Stadt erreicht habe, heißt mich auf meinem Handy eine englische Kurzmitteilung von Entel Bolivia in Bolivien willkommen. Ich befinde mich nun in der "glücklichen" Lage, für spottbillige 3,50 Euro pro Minute mobil nach Hause telefonieren zu können! Um dem auszuweichen, versuche ich es mit dem Telefon im Hostal. Beim dritten Versuch kann ich endlich meine Eltern am anderen Ende der Leitung hören - sie aber mich nicht. Der freundliche Herr an der Rezeption nimmt ein Messer zur Hand und stochert grob in der Technik des Telefons herum. Danach läuft es seltsamerweise auch nicht besser...
Am einfachsten ist es immer noch von einem der zahlreichen Telefonzentren aus nach Hause zu telefonieren und sich dort zurückrufen zu lassen. Doch die Qualität ist hier kaum besser als am Satellitentelefon vor ein paar Tagen - wenn man überhaupt durchkommt. Man versteht sich kaum untereinander und ich verständige mich mit meinen Eltern darauf, dass wir uns die nächsten Wochen nur noch über Internet schreiben. Denn davon gibt es besonders hier in La Paz viele Möglichkeiten. Ab 4 Bs (50ct) pro Stunde kommt man schon ins Internet.

Ich erledige noch viele weitere organisatorische Dinge, wie zum Beispiel die Suche nach vernünftigen Landkarten: Die einzig guten Landkarten von Bolivien soll es beim "Instituto Geográfico Militar" geben. Wieder komme ich mir ein wenig fehl am Platze vor, als sich herausstellt, dass das Instituto eine Kaserne ist. Am Eingang muss ich meinen Pass abgeben. Ein Offizier ruft "Numero!" und aus einer Reihe von bereitstehenden Soldaten wird ein "MP" für mich abgestellt, der mich zu Fuß zum Instituto eskortieren soll. Doch irgendwas macht er falsch. Der Offizier brüllt ihn an, "wie er denn nur so dämlich sein könne" und ein neuer Soldat wird für mich abgestellt. Als wir aus Sichtweite des Offiziers sind, versuche ich mit ihm ins Gespräch zu kommen, doch er zeigt sich ziemlich wortkarg. Die armen Kerle scheinen ziemlichen Respekt vor ihren Vorgesetzten zu haben und scheinbar ist es ihnen auch verboten mit mir zu sprechen.
Am Eingang zum Instituto wimmelt uns ein weiterer Offizier ab. Das Instituto sei heute geschlossen, ich soll morgen wiederkommen. Da wäre es angeblich den ganzen Tag lang geöffnet. Gut, ich will die über die Karten gebeugten Befehlshaber nicht bei ihrer "Kriegsplanung" stören...

Lage im Spätsommer 2003 (von Ann Porges):
Steine fliegen in die Fensterscheiben der Fahrzeuge, Erdwälle blockieren die Weiterfahrt. Es gibt Tote und Verletzte. Beinahe täglich ziehen Menschen durch die Straßen und knallen ihren Frust mit Feuerwerkskörpern in die Luft. Die Campesinos sind sauer. Sehr sauer sogar. Sie wollen nicht, dass die Regierung eine Gaspipeline bis an die chilenische Küste baut. Gerade nicht die Chilenen, denn an sie verlor Bolivien im Salpeterkrieg seinen einzigen Zugang zum Meer und das hat der stolze Bolivianer bis heute nicht vergessen. Immer gewalttätiger werden die Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den streikenden Campesinos, immer brutaler die Attacken auf jene, welche versuchen die blockierten Verkehrsadern zu nutzen. Täglich räumen Hundertschaften von Armee und Polizei die wichtigsten Zugangsstrassen von La Paz, täglich tragen die Campesinos ihre Wut in Form von neuen schweren Felsbrocken auf die Straße. Groß sind die Steine, so groß wie der Ärger und der Frust und schon lange geht es nicht mehr ums Gas allein. Zuviel gibt es zu sagen über die nach wie vor miserablen Lebensbedingungen auf dem Land, über die weit aufgesperrte Schere zwischen Arm und Reich, über die leeren Versprechungen der Politiker, die Korruption, den Ausverkauf des Landes an zahlungskräftige Unternehmen aus dem Ausland .... und die Ermordung eines wichtigen Führers der Indigenabewegung vergangene Woche. Viel Arbeit bleibt liegen in diesen Tagen: der vom Gemüseverkauf lebende alte Mann bekommt seine Tomaten nicht los, Lehrer stehen vor leeren Klassen, Busse warten auf grünes Licht, Touristen auf einen Ausweg aus der Sackgasse ......... nur die Polizei hat alle Hände voll zu tun. Schwerbewaffnet begleitet sie Touristenbusse durch die Krisenregionen, räumt die Straßen oder ermahnt mit vorgestreckter Waffe zum Dialog. Die Schuld für die Entfachung dieses "Krieges" schieben sich die Regierung und die Organisationen der Campesinos gegenseitig in die Schuhe. Das Abendprogramm im Fernsehen ist gefüllt.


Die Lage hat sich bis in den Oktober weiter zugespitzt. Ann und Mario Porges, ebenfals zwei Radreisende, saßen während dieser Zeit in La Paz fest und haben sehr packende Berichte darüber geschrieben. Mit ihrer freundlichen Genehmigung veröffentliche ich hier ein paar Auszüge aus Ihren Runmails: La Paz während der Unruhen


Tag 34:
El Alto - La Paz
-Tacho defekt-
Tag 35:
"Ruhe"tag in La Paz


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