Soldaten und der Wilde Westen Boliviens
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Exkurs: Ex-Kolonie als Binnenstaat
Bei einem Blick auf die Weltkarte mag einem eine weitere Eigenart Boliviens auffallen: Alle südamerikanischen Staaten haben Zugang zum Meer, nur Bolivien und Paraguay nicht. Umso verwirrender mag es erscheinen, dass Bolivien einst vom Meer aus als die spanische Kolonie mit dem Namen "Alto Perú" gegründet wurde. Wie kann es also sein, dass sich die Fläche von Bolivien sich fern vom Meer auf einer Tibet ähnlichen abgelegenen Hochebene und dazu einem Teil des von Pampa und Urwald bedeckten Amazonastieflandes erstreckt?
Der Grund ist in der Geschichte Boliviens zu finden. Zuerst sollte man wissen, dass Bolivien alles andere als eine langweilige Vergangenheit hat. Seit der Abhängigkeit im Jahr 1825 gab es gut 200 (!) gewaltsame Machtwechsel in Bolivien, bei denen auch bekannte Persönlichkeiten wie Che Guevara ihre Hände im Spiel hatten. Einsamer Weltrekord. Eine solch chaotische Geschichte bringt natürlich weitere traurige Rekorde mit sich, wie zum Beispiel eine Höchstinflation von 24.000 Prozent (!) im Jahre 1985 und viele für das Land gefährliche Kriege.
Territorium gewonnen hat Bolivien in keinem dieser Kriege, dafür aber eine Menge desselbigen eingebüßt. So ist heute nur noch ein geringer Teil der ursprünglichen Größe Boliviens erhalten. Die größten Landverluste gingen mit folgenden Kriegen einher: Der erste große Verlust beginnt mit dem Guerra del Pacífico (Salpeterkrieg), wobei Bolivien schon 1883 mit der Provinz Antofagasta seinen Zugang zum Meer verliert. Einen Verlust, den die Bolivianer den Chilenen bis heute nicht verziehen haben. Später verliert Bolivien im Jahre 1903 das große Urwaldgebiet Arce an Brasilien. 1932-1935 führt es den Chacokrieg mit Paraguay und verliert das fruchtbare Chacogebiet. Von der einst ansehnlichen Marine dümpeln heute nur noch Reste auf dem Titikakasee auf über 3800 Metern Höhe. Zur ehemaligen Provinz Antofagasta führt heute nur eine einzige asphaltierte Straße. Daneben existiert noch eine Bahnlinie, doch die Züge verkehren nur noch 1x wöchentlich von Uyuni zum in der chilenischen Atacama-Wüste gelegenen Calama.
Das so abgeschiedene Bolivien wird gerade dadurch für den Tourismus wohl umso interessanter, doch der Wirtschaft hilft das nur wenig. Die Wirtschaft ist nur schwach und kann aufgrund der geringen Infrastruktur und Anbindung an den Weltmarkt nur sehr schlecht wachsen. Trotzdem finden nordamerikanische und europäische Konsumgüter von Snickers über Nivea bis Nestle ihren Weg in das so abgeschiedene Land und verhindern den Aufbau einer eigenen Konsumgüter-Industrie.
Selbst die vielen Rohstoffe und sogar der Fund von Öl konnten der Wirtschaft bis jetzt nur wenig auf die Sprünge helfen. Zu schwach ist das Land, als dass es durch eigene Kraft Pipelines und Asphaltstraßen durch seine schroffen und unwirtlichen Landschaften ziehen könnte.
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Beim Aufbruch fragt mich der Hostal-Besitzer, ob ich denn die Richtung für meine Weiterfahrt wüsste. Überzeugt zeige ich in die entgegengesetzte Richtung, als die, aus der ich gekommen bin. "Wo willst Du denn da hin? In die Wüste?"
Wie gut, dass er mir am Ortausgang den versteckten Radweg zeigt, an den ich mich halten muss. Ich folge einem ausgetrockneten Bachlauf, der sich mit Eis und Wasser füllt, desto weiter ich in das Tal vordringe. Zwischen hoch aufragenden Steilwänden befindet sich eine grüne Oase mit vielen Lamas und Mulis. Die Landschaft ist wieder grob und beeindruckt zugleich durch ihre Schönheit. Ich sehe heute nur einen Jeep und zwei einheimische Radfahrer.

In einem steilen Anstieg geht es auf einen 4200 Meter hohen Pass, von wo ich einen tollen Ausblick auf die vielen Lamas im Tal habe; sie zeichnen sich auf einer großen grünen Fläche nur noch als unzählige schwarz-weiße Punkte ab. Auf der anderen Seite ist die Landschaft schon wieder um einiges karger. Nur um den kleinen Bach herum scheren sich ein paar Lamas an niedrigen Steinhäusern. Der Weg wird wieder sandig und kurz vor San Augustin geht es wieder los. Sand! Ohne Ende und so tief, dass ich wieder vor machtloser Wut in die Erde trete. Doch in San Augustín sehe ich das erste Mal befestige Wege in Bolivien. Wenn sie auch nur aus groben Steinen sind, so ist es immerhin schon etwas.
Ich frage mich zu einem Hostal durch, welches von außen nicht als solches zu erkennen ist. Ein Mann mittleren Alters öffnet mir die große Stahltür. Bei meiner Frage nach einer Dusche, sieht er mich nur mitleidig an und sagt mir, dass die natürlich defekt ist. Ein anderes Hostal gäbe es zwar, doch dort gäbe es keine Duschen. Also bleibe ich hier.
Das Hostal ist ein einzelnes Zimmer in einem Privathaushalt, in dem sich ein paar klapprige Etagenbetten befinden. Ich bin der Einzige hier. Im Laufe des Abends lerne ich den Rest der Familie kennen: Die beiden Eltern, die Tochter und einen kleinen Jungen sowie zwei Hunde, wovon einer noch ein kleiner tollpatschiger Welpe ist. Der Welpe und der kleine Junge sehen mir ganz fasziniert beim Kochen zu und nach dem Essen darf ich die Waschschüssel der Mutter zum Spülen benutzen. Der kleine Innenhof bietet einen interessanten Einblick in die Familienkultur. Er dient einerseits als Flur, andererseits als Schuttabladeplatz, Wohnzimmer, Trockenplatz für das magere Fleisch geschlachteter Tiere sowie ihrer Reste.
Bei eintreten Dunkelheit wird der Generator angeschaltet und ich kann mein Handy wieder aufladen. Eine surreale Situation mein Handy an einem Generatoren hunderte Kilometer von der nächsten Sendeantenne entfernt aufzuladen. Man will mir kaum glauben, dass das kleine Teil ein Telefon sein soll. Nein, ich hänge nicht so sehr an dem Teil, dass ich ständig dessen liebliche Piepstöne hören müsste. Ich brauche es allerdings als Wecker; die inzwischen wichtigste Funktion, die ich an diesem Gerät entdeckt habe.
San Augustín
Mit frischem Proviant mache ich mich auf den Weg. Das Frischeste, was zu bekommen ist, sind ein paar Äpfel, abgelaufene Schokolade und eine Packung dünner Spaghetti.
Heute fährt der Bus nach Uyuni ab, der größten Stadt in dieser riesigen Provinz, und das ganze Dorf ist auf den Beinen. Diese Provinz ist in etwa so groß wie Schleswig-Holstein und Uyuni ist kaum so groß, wie die Gemeinde Tornesch bei Hamburg.
Ich fahre über den letzten Pass vor dem großen Salar de Tunupa, der auch unter dem Namen Salar de Uyuni bekannt ist: Der größte Salzsee der Erde. Hinter dem Pass spaltet sich der Weg und ein Wegweiser sorgt für ein wenig Verwirrung. Mein Tagesziel für heute ist Colcha "K". Der Wegweiser verweist allerdings auf Calcha "K". Wie gut, dass ich bereits vorher von dieser Falle gelesen habe und links herum den richtigen Weg nehme. Der Weg wird wieder sehr sandig und ich fluche und schiebe viel. Seltsam. In diesem Moment kommt alle Wut über unmögliche Patienten, mit denen ich im Zivildienst zu tun hatte, hoch und ich fluche noch mehr und trete erfolglos in den weichen Sand. Ich scheine verrückt zu werden, doch hoffentlich nur für den Moment...
Wild West: Julaca

Dann wird der Untergrund plötzlich härter und am Horizont sind Anzeichen menschlicher Bebauung auszumachen. Über eine Salzverkrustete und steinige Ebene nähere ich mich langsam diesem Horizont. Ich treffe auf ein fast vollkommen verlassenes Dorf, dass jedem Wild-West-Klischee gerecht werden könnte. Durch das Dorf ziehen sich auf langen Geraden staubige Straßen und in der Mitte gibt es eine verlassene Bahnlinie mit einsam dastehenden Waggons. Im Augenwinkel sehe ein Kind durch die Häuser huschen und höre zwei Hunde bellen. Jetzt würde nur noch der obligatorische Dornenstrauch, der vom Wind durch die Straßen gefegt wird, fehlen.
An einem Friedhof vorbei gelange ich auf einen schmutzigen Salzsee und komme wunderbar auf der Salzkruste voran. Doch lange Zeit kann ich nur meinem Tacho entnehmen, dass ich mich bewege, am Horizont tut sich gar nichts. Immerhin funktioniert der Tacho für eine Weile, was auch nur selten der Fall ist. Nach dieser erholsamen Fahrt beginnt ab dem Ufer des Salzsees wieder der Kampf mit dem Sand. Wieder fluche und schiebe ich mein Rad vorwärts. In der Ferne kann ich Touristenjeeps erkennen, die mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Salar de Tunupa fahren und lange Staubwolken hinter sich lassen.
Colcha "K"?
Ich nähere mich Colcha "K" und wundere mich nicht schlecht über das militärische Tarnfarben-Outfit des Dörfchens. Als ich näher komme, wirkt alles immer weniger dörflich. Zuerst kristallisieren sich Aussichtstürme heraus, dann Baracken und zuletzt sehe ich Soldaten mit Schnellschussgewehren. Die Piste endet vorm Kasernen-Eingang und verdutzt bleibe ich stehen. Ein junger Soldat rennt diensteifrig mit seinem Maschinengewehr zum Eingang und entfernt für mich die Sperrkette zum Eingang. Ich sehe mich selbst schon in einer Fernsehkomödie und frage den Soldaten nach einem Hostal. "Hostal?" Keine Antwort. Erst als sich zwei Offiziere meiner annehmen, darf ich in ganzen Sätzen sprechen. Von allerhöchster Priorität ist für die beiden natürlich erst einmal aus welchem Land ich denn komme. Mit Deutschland liegt man in Bolivien zum Glück meistens gut und hier scheint das nicht anders zu sein. Wie gut, das ich nicht aus den USA komme, oder einen englischen Akzent habe. Die beiden stellen mir noch ein paar weitere Fragen und beantworten mir erst dann meine Frage. Das Dorf ist hinter der Kaserne und ich muss nur durch sie durchfahren. Wieder kann ich mich nur schwer zusammenreißen meinen Fotoapparat in der Tasche zu lassen. Ich liebe militärische Motive, traue mich aber nicht Fotos zu machen. Zu groß wäre das Risiko, dass man mir alle belichteten Filme abnehmen will. Während ich so durch das Lager fahre, sehe ich unter anderem sehr interessante Wandparolen mit patriotischen Gemälden. Da ist von der gefährlichen Grenze zu Chile, dem Schutz des Vaterlandes und der einst verlorenen Provinz Antofagasta die Rede, die man immer noch als einen Teil Boliviens betrachtet...
Im Dorf ist gerade schulfrei und eine große Gruppe Kinder läuft hinter mir her und füllt die ganze Straße, als ich anhalte. Von ihnen bekomme ich mehr als genug Hilfe bei der Suche nach einem Hostal. Natürlich wollen alle mein Fahrrad und ganz besonders meinen Helm anfassen. Der Helm ist überhaupt das Unglaublichste und Interessanteste für die Bolivianer - ob groß oder klein - und er wird noch über viele belustigte bolivianische Köpfe wandern. Ein Junge wird losgeschickt, um die Herbergsmutter aufzutreiben. Natürlich dauert das seine Zeit und die Kinder haben genug Zeit Fragen zu stellen und alles anzufassen. Was eine Kamera ist, wissen sie allerdings sehr genau und sie tun alles dafür, bloß nicht vor meine Linse zu geraten. Also drehe ich den Spieß um, denn durch die Kamera blicken und auf den Auslöser drücken will jeder einmal. Freudig richten sie sie auf ihre Freunde, die sich kichernd vor ihr zu verstecken versuchen.
Am Abend gehe ich noch ein wenig zum "Shopping". Ich muss noch etwas Benzin kaufen und werde in einem Privathaushalt fündig. Der Besitzer erzählt mir stolz, dass er hier im Krankenhaus arbeitet. Im nächsten Moment steckt er sich den Benzinschlauch in den Mund, um das Benzin anzusaugen und danach die Hälfte wieder auszuspucken. Hmm, dass Benzin eine medizinische Wirkung hat, ist mir jedenfalls neu.
Auf dem Dorfplatz treffe ich nur zwei alte Mütterchen, die ihre spärlichen Waren dort anbieten. Ich brauche noch etwas Proviant für die Tage auf dem Salzsee und erstehe dabei haufenweise Bonbons, abgelaufenen Jogurt in Tüten und sonstige Kleinigkeiten. Mit dem Wasser ist es schon schwieriger. Ich muss der Verkäuferin erst fünf Mal bestätigen, dass ich 10 Liter Wasser haben möchte, also 5 Flaschen. Damit habe ich fast ihren ganzen Stand aufgekauft. Ich kaufe noch ein paar weitere Kleinigkeiten bei ihrer Kollegin und verschwörerisch fragt diese mich, was ich denn für das Wasser bezahlt habe. Kaum zu glauben. Da sitzen die beiden tagein tagaus nebeneinander, hüten aber ihre Preise wie Staatsgeheimnisse...
Außerdem entdecke ich eine ungeahnte Liebe zur Marmelade in mir. An einem kleinen Laden an einer Straßenecke kaufe ich noch ein paar Brötchen und die Verkäuferin fragt mich, ob ich auch "Mermelada" haben möchte. Marmelade? So was gibt es hier?
Von nun an erwische ich mich tagelang immer wieder dabei, wie ich gierig pappige Brötchen mit der leckeren Marmelade darauf herunterschlinge. Marmelade am Morgen, Marmelade am Mittag, Marmelade am Abend, Marmelade immer und zwischendurch... Sie erscheint mir als die größte Delikatesse, die es gibt. Und das, obwohl ich zu Hause eigentlich gar keine Marmelade mag. Wie verwöhnt man doch sein kann...
Zwei Helden im Kampf gegen das Chilenische Unheil
Am nächsten Morgen sitzen die Kinder wieder in der Schule, nur einer ist ausgebüchst und versucht mir unauffällig zu folgen.
Ich wundere mich nicht schlecht, als mir mehr und mehr Soldaten entgegenkommen. Sie pressen sich in die Nischen und an Hauswände und rücken langsam in das Dorf vor. Scheinbar eine Übung an der sich keiner der Dorfbewohner stört. Mich packt wieder das Fotofieber. Als ich an ihnen vorbei bin, möchte ich unauffällig von hinten ein Foto machen. Die Angst im Nacken ziehe ich die Kamera aus der Tasche und schon erblicken mich zwei Soldaten mit meiner Kamera in der Hand. Oje... mist...
Aber nein: Von militärischer Geheimhaltung und Fotografierverbot wollen die gar nichts wissen! In heldenhafter Pose stellen sie sich mit ihren Maschinengewehren vor die Kamera und lassen sich mit einem vom einen zum anderen Ohr reichenden Lächeln fotografieren...
| Tag 29: |
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Alota (3793m) - 4207m - San Augustín (3818m) |
32,53 km |
| Tag 30: |
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San Augustín (3818m) - 3888m - Colcha K (3753m) |
-Tacho defekt- |
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