Der Flug: Alles ändert sich

Am Abend geht es dann los. Ich hole Rad und Gepäck in der Jugendherberge ab und mache mich auf den Weg zum Frankfurter Flughafen. Wieder ist es ein sehr heißer Tag gewesen und während die Hitze so langsam abklingt, folge ich dem Main in Richtung Westen. Ich gehe das letzte Mal zu einem Fahrradhändler um die Pedale lockern zu lassen. Preislich scheint er seine "Flughafenlage" zumindest ordentlich auszunutzen...
Durch einen großen Wald fahre ich weiter in Richtung Süden. Nichts lässt auf das nahe gelegene "Drehkreuz Europas" schließen, doch ganz plötzlich finde ich mich in der hinter dem Wald gelegenen Trabantenstadt wieder, die sich Frankfurter Flughafen nennt.

Das Einchecken gestaltet sich gar nicht so einfach, obwohl die Lufthansa mit dem eigentlichen Fahrradtransport kaum Probleme hat. Erst einmal muss ich den Schalter finden. Natürlich bin ich mit dem Rad am falschen Terminal angekommen und muss mit dem so genannten Skytrain weiter zum Lufthansa-Terminal. Kaum dass ich in den Zug steigen will, kommt die Durchsage: "Es ist verboten Gepäckwagen mit in den Zug zu nehmen!"
Fragend blicke ich einen Flughafenmitarbeiter an. Gilt mein Rad als Gepäckwagen??? Er nickt mir verschwörerisch zu und schon bin ich im Zug.
Als ich endlich den Schalter gefunden habe, suche ich mir ein ruhiges Eckchen und bereite alles für den Flug vor. Das Ganze artet mit der Zeit in ein ziemliches Chaos aus. Ich muss die schwersten Sachen ins Handgepäck stopfen (darunter darf allerdings kein "Terroristenwerkzeug" sein), die Taschen müssen gleichmäßig ausgefüllt werden, das Fahrrad muss teilweise demontiert werden (Pedalen und Lenker) und nicht benötigte Dinge müssen in das für meine Eltern bestimmte Päckchen geschmissen werden. Dann müssen alle Taschen in meine Zeltunterlage geschnürt werden, damit alles zusammen zwei Gepäckstücke ergibt. Ich darf zwar 2x32kg mitnehmen. Ergo: Das Rad als ein Gepäckstück und die in die Plane geschnürten Taschen als ein weiteres. Doch das muss ich dann alles noch einmal ganz auseinander nehmen, da mein Handgepäck als zu groß erachtet wird und ich dadurch wieder umdisponieren muss.
Kopfzerbrechen bereitet mir noch die am Fahrrad befestigte Benzinflasche. Im Wald wollte ich sie nicht einfach auskippen und nun frage ich den Lufthansa-Mitarbeiter am Schalter:
"Ähem, ich habe da eine Benzinflasche unten am Rad. Mit Inhalt ist die doch verboten, oder?"
"Ja, das Benzin muss weg!"
"Hmm, sie haben doch bestimmt des Öfteren mit dem Problem zu tun. Können sie mir sagen, wo ich das hinkippen kann?"
"Öhem...", man sieht, wie es in seinem Kopf rattert, "...in die Toilette?"
"Aha... und wenn nun jemand nach mir auf der Toilette eine raucht?"
"...Ich habe ihnen das ja nicht gesagt."
"Ok, und können sie dann mal kurz auf mein Fahrrad aufpassen?"
"N..nn...n...nein! Das geht nicht! Dann kommt die Polizei und sperrt hier alles ab! Das Fahrrad muss raus!"
Aha... also nehme ich mein Fahrrad widerwillig mit nach draußen und frage dort einen weiteren Lufthansa-Angestellten, der gerade ein Päuschen macht. Er sagt mir, dass ich für meinen Gang zur Toilette erst das Rad vom Flughafengelände wegschieben muss. Arrg!
Wir einigen uns darauf, dass er nichts gesehen hat...
Also gehe ich nur kurz zur Toilette, entleere die Flasche in der Kloschüssel und werfe noch Klopapier hinterher um den Gestank wenig erfolgreich zu unterdrücken. Was der Mensch nebenan bei seiner Sitzung wohl gerade über diesen Gestank denkt?
Macht nichts. Danach checke ich problemlos ein. Für die am Rad befestigte Flasche mit der deutlichen Aufschrift "Brennstoff" interessiert sich dann plötzlich niemand mehr...

Im Flugzeug sitze ich neben einer Münchnerin, die in São Paulo lebt und dort mit einem Chilenen verheiratet ist. Mit ihr unterhalte ich mich zu beginn des Fluges angeregt über Südamerika, während ich hin -und wieder einen Blick auf das unter mir verschwindende Deutschland und Europa werfe. Zu Beginn des Fluges meldet sich der Captain und lässt uns wissen, dass in Frankreich, Italien und Österreich heute die Fluglotsen streiken. Heißt also, dass wir über England auf den Atlantik hinausfliegen müssen, dort noch eine Gewitterfront umfliegen und dann endlich Kurs nach Süden nehmen werden...

Die Nacht ist recht turbulent. Fasziniert verfolge ich die ersten Lichter, die unter uns im brasilianischen Dschungel auftauchen. Dann folgt der Anflug auf São Paulo. Über Unmengen kleiner eckiger Häuser mit flachen Dächern sinken wir tiefer. Hier ist es früh am Morgen und die Dämmerung beginnt. Die ersten Autos kommen aus den Garagen und fahren die hell erleuchteten Straßen entlang. Ich bin absolut fasziniert von dieser neuen Welt. Die Autos sind fast allesamt große amerikanische Schlitten, die ganze Architektur, das Schachbrettmuster der Stadt, der Bewegungen der Menschen, die mit größerer Annäherung an den Boden immer deutlicher zu erkennen sind...
In São Paulo betrete ich unter unromantischen Zuständen das erste Mal südamerikanischen Boden. Über einen großen Umweg werden wir zur Transferhalle geleitet, die unserem Flugzeug eigentlich direkt gegenüberliegt. Fasziniert entdecke ich, dass mein Handy ein brasilianisches Netz findet und ich von hier aus Nachrichten in sekundenschnelle an das tausende Kilometer entfernte Hamburg versenden kann.

Dann starten wir mit Kurs auf Santiago de Chile, dem Endziel des Fluges LH526. In kräftigen Rottönen erhebt sich die Sonne über São Paulo und zwischen den Wolken kann ich das erste Mal auf die Landschaften Südamerikas blicken. Alles wirkt so gigantisch. In Argentinien sehe ich wie in einem Schachbrett endlos aneinander gereihte Felder, dazwischen schnurgerade Straßen, quadratische Städte und Dörfer... über einem riesigen See, den ich bis jetzt noch auf keiner Karte gesehen habe, kommen wir in große Turbulenzen, die über Land schlagartig wieder verschwinden. Vor Santiago de Chile kommt das Highlight: Die Anden! Majestätisch liegen sie dort unten unter einer dichten Schneedecke und wirken mit ihrer Höhe so nah am Flugzeug wie zum greifen Nahe. Überall finden sich gigantische Bergspitzen und Täler. Was in den Alpen alles durch Skilifte, Straßen, Wege und Ortschaften zerschnitten ist findet sich hier vor mir, als wenn ich der Erste wäre, die diese Landschaft erblickt. Das Nichts: Der Mangel an Orten, Infrastruktur und jeglichem Anzeichen menschlicher Zivilisation ist einfach beeindruckend.
Auf einmal endet die Bergwelt und wir fliegen weiter über eine von Nebel bedeckte Tiefebene, in der sich die größte Stadt in einem Umkreis von tausenden von Kilometern befindet: Santiago. Plötzlich gibt es wieder Zivilisation in Form von Wohnvierteln, Industrie, gigantischen französischen Supermärkten sowie Müllkippen...





Am Gepäckband frage ich einen deutschen Geschäftsmann, wieviel Uhr es hier ist. Ich hätte nicht gedacht, dass die Zeitdifferenz zu Deutschland tatsächlich 6 Stunden beträgt. Beim Verlassen des Gepäckbandes bekomme ich den ersten Eindruck südamerikanischer Kultur: Es stürzen sich gleich alle Taxifahrer auf mich: "Nececitas Transporte?!?". Ein freundlicher Gepäckträger vom Flughafen boxt mich durch, möchte aber danach ungern ohne "Tip" zurückgelassen werden... In gebrochenem Spanisch lasse ich ihn wissen, dass ich leider keinen einzigen Peso oder Euro dabeihabe, was mir furchtbar leid tut. Seinem Gesichtsausdruck ist zu entnehmen, dass er es mir nicht glauben will, doch er verabschiedet sich gehalten.
Dann beginnt erneut das Organisatorische. Natürlich findet sich hier im Terminal für Innlandsflüge kaum jemand, der Englisch spricht, und nach langer Zeit muss ich mich wieder auf Spanisch durchschlagen. Der Fahrradtransport stellt ein größeres Problem dar, als erwartet. Doch ich werde noch lernen: Probleme sind in Südamerika entweder dazu da um gelöst zu werden oder die Kosten in die Höhe zu treiben. Man sagt mir, dass man immer dieses Problem mit den Lufthansa-Passagieren habe. Die haben einfach zuviel Gepäck dabei! Auf Innlandsflügen der LanChile sind ganz plötzlich nämlich nur noch 20kg erlaubt und diese Marke habe ich mit meinem Gepäck weit überschritten. Um die Transportkosten nicht in ungeahnte Höhen schnellen zu lassen, muss ich die Reifen abmontieren und alles zusammen in meine Zeltunterlage packen. Allerdings finde ich schnell heraus, dass auf diesem Flug keine Begrenzung für die Anzahl der Gepäckstücke gilt. Also gebe ich als kleine "Rache" meine Taschen einzeln ab. Man zeigt sich gar nicht begeistert davon, 6 Gepäckstücke plus Handgepäck für mich mitnehmen zu müssen. Und meine Visa-Karte wird trotz dem verpackten Fahrrad immer noch um weitere 50 "Dólares" belastet.


Flug von Santiago nach Antofagasta

Nach stundenlangem Warten startet der Flug nach Calama mit Zwischenstopp in Antofagasta endlich. Wieder sehe ich faszinierende Gebirgszüge und das erste Mal sehe ich den unendlichen tiefblauen Pazifischen Ozean. Passend serviert man uns Fisch mit einigen anderen Leckereien. Sollte ja eigentlich kein Problem sein. Dumm ist nur, dass ich fischloser Vegetarier bin und gerade jetzt mit einem wahnsinnigen Hunger dasitze. Was soll's! Ich habe mich schon vor diesem Urlaub lange mental darauf vorbereitet, dass ich dieser Problematik in Südamerika kaum ausweichen kann. Und so nehme ich Messer und Gabel und beiße das erste Mal seit 8 Jahren in einen Fisch...

Fasziniert werfe ich während des Fluges einen Blick aus dem rechten Fenster. Weit breitet sich unter mir die Atacama aus; die trockenste Wüste der Erde. In allen möglichen Schattierungen von braun und schwarz, tief eingeschnittenen trocken daliegenden Tälern und gekrönt von Schneebedeckten Sechstausendern bietet sie ein eindrucksvolles Bild, lässt mir aber zugleich auch einen Schauer über den Rücken laufen. Da will ich durch? Mit dem Rad?
Dafür kann es nur eine Erklärung geben: Ich BIN verrückt!

Tage 8-9:

Frankfurt - São Paulo - Santiago de Chile - Antofagasta
ca. 14.000 km


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