Rad zum Flug inklusive
...oder: Der erste Eindruck von "Amerika"

Es ist Sonntag, die Sonne scheint, es ist heiß und viele Familien sowie kleine Grüppchen genießen das schöne Wetter indem sie durchs Land radeln. Auf den Radwegen lassen sich schon die ersten leicht bekleideten Schönheiten auf Inlinern blicken.
Es geht bergauf. Ich bin wieder alleine. Ab Gmünden folge ich dem Wohra-Radweg, schwenke dann in einem großen Bogen auf dem Lahn-Radweg nach Marburg um, um von dort auf durchgehend ebener Strecke weiter nach Süden zu fahren. Das Wetter lässt die Menschen scheinbar offener werden. Im vorbeifahren fragen mich so einige, wohin es mit dem Gepäck denn ginge. Nach Frankfurt, antworte ich wortkarg - zu faul ihnen mein ganzes Vorhaben beschreiben zu müssen.

Nach dem regnerischen April zeigt sich die Landschaft in satten Farben. Und nach 4 Jahren kehre ich wieder einmal auf dem Campingplatz Wißmar ein. Wieder einmal bekomme ich vor dem Einchecken haufenweise Bedingungen und Verbote genannt. Spaß und alle anderen lästerlichen Dinge sind auf diesem Platz nämlich verboten. Dafür solle man sich gefälligst woanders hin begeben, lässt mich der Hinweiszettel wissen. Auf meiner ersten großen Radreise nach Italien habe ich hier einmal übernachtet. Das war im Sommer 1999. Ich kann mich noch gut an meine damalige Stimmung erinnern. Am Morgen hatte ich mich nach mehrtägigem Aufenthalt im Sauerland von meiner Oma verabschiedet und bin von dort weiter nach Süden gefahren - mit dem ungewissen Ziel Italien. An diesem Abend war alle Motivation dahin. Ich wäre am liebsten wieder nach Hause umgekehrt. Doch dann, das weiß ich heute sicher, hätte ich eine der größten Erfahrungen meines Lebens verpasst. Und heute sehe ich das als Lehre.
Heute habe ich mich von guten Freunden verabschiedet.
Heute finde ich mich hier wieder.
Wieder fühle ich mich niedergeschlagen, Kopfschmerzen bereiten mir Qualen und eigentlich wäre es doch zu Hause immer noch am schönsten.
Doch ich weiß, dass Rückreise keine Lösung ist. Wenn ich diesen Tag überstehe, wird der Rest ein Kinderspiel. Man wird sehen...


Marburg

Am nächsten Tag finde ich mich plötzlich in Amerika wieder. Verdutzt sehe ich den beiden Streifenpolizisten in dunkelblauer Hose, himmelblauen Hemden und amerikanischen Kappies hinterher. Der nächste Blick fällt auf eines der Straßenschilder: "Wisconsin Rd". Die nächste nennt sich Washington Road, eine weitere New York Road, und überhaupt haben alle Straßen plötzlich so neudeutsche Namen. Die Nummernschilder der vor den Wohnblocks parkenden Autos sind zwar deutsch, jedoch klein und eckig und weisen den Landkreis HK aus - Hong Kong? Ich stehe vor einem Rätsel und fahre weiter. Plötzlich muss ich eine von Soldaten bewachte Schranke passieren. Man lässt mich ohne Kontrolle durch, nachdem ich einem von ihnen ein wenig verstört zugenickt habe. Die Soldaten haben Stars und Stripes auf den Schultern ihrer Uniform. Und erst beim Blick zurück wird mir alles klar: Man heißt mich im Roman Way Village willkommen - 'gesponsert' von der 1-36 amerikanischen Infanteriedivision. Irgendwie bin ich ohne Kontrolle durch einen "Hintereingang" in dieses abgeschottete Wohngebiet geraten.
Doch damit nicht Genug. Die nordamerikanische Besatzungsmacht scheint in dieser Gegend noch fleißig Munition zu verballern - über 50 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges. Wo auch immer ich durch einen Wald fahre, werde ich von großformatigen Schildern vor Waffengebrauch der Amerikanischen Streitkräfte gewarnt. Einige besagen, dass man doch bitte vor dem Durchqueren dieser Wälder die Service-Rufnummer wählen möge; um zu erfahren, ob man heute als radelndes Freiwild betrachten werden könnte oder nicht.







Ohne "Feindkontakt" durchquere ich die östlichen Ausläufer des Taunus, nur um nach der genussvollen Abfahrt feststellen zu müssen, dass einer meiner Schuhe fehlt! Nein, nicht die an den Füßen! Heute habe ich wegen der Hitze Sandalen angezogen und die Schuhe in die auf dem Lowrider liegende Plane gewickelt. Und nun enthält diese nur noch einen der 150 Euro teuren Schuhe! Arrrg! Es ist zum Verrückt werden! Verzweifelt wühle ich in der Plane und kann nur noch feststellen, dass eines der wichtigsten Kleidungsstücke meiner Reise fehlt. Ich wühle in meinem Gedächtnis nach und werde (zumindest da) fündig. An einer Stelle heute dachte ich von einem Tier aus dem Gebüsch angegriffen zu werden, weil ich einen Aufprall an der rechten Vordertasche abgelenkt wurde. Doch beim Blick zurück war im hohen Rasen nichts zu sehen. Und nun - Wunder oh wunder - fehlt an der rechten Seite der Plane mein linker Schuh. Ich wühle anhand der Karte weiter im Gedächtnis und versuche mit Angleichen der eingezeichneten Topografie und meiner Erinnerung an die dortige Landschaft den Punkt wieder ausfindig zu machen. Und tatsächlich finde ich einen Punkt, der allen Kriterien entspricht. Dumm nur, dass dieser Ort 20 Kilometer zurück liegt, was 40 Kilometer Umweg bedeuten würde.
Ein älterer Rennradler kommt vorbei und erzählt mir seine Lebensgeschichte. In der Hoffnung auf ein Auto frage ich ihn nach Hilfe. Nein, zu helfen wüsste er mir da nicht, er scheint mir aber viel lieber von den großen Radtouren seiner Jugend zu erzählen. Als wenn ich dazu jetzt Zeit hätte! Nicht einmal bei der Frage nach Autovermietungen klingelt es bei ihm. Und da an mich - ich habe erst vor einer Woche meinen Lappen erhalten - sowieso niemand Autos vermieten will, muss ich wohl oder übel in den sauren Apfel beißen. Im nächsten Dorf frage ich jemanden, ob ich mein Gepäck bei ihm abstellen könne. Öh, das wüsste er nicht, da sollte ich schon bei xy nachfragen. Die Hilfsbereitschaft der Menschen in Deutschland ist immer wieder umwerfend. Ich werde hier noch zum Wahnsinn getrieben! Also fahre ich mit Gepäck die ganzen 20 Kilometer wieder zurück. In der Ferne tauchen die ersten heftigen Wärmegewitter auf. Ich umfahre dieses Mal die Ausläufer des Taunus, werde dafür aber durch einen halben Kurort wegen Fußgängerzone von "Sicherheitsbeamten" zum Schieben gezwungen. Die haben vielleicht Probleme...
Dann beginnt die Verzweiflung. Ich suche den Straßenrand an besagter Stelle ab. Nachdem ich den für mich am ehesten in Frage kommenden Bereich erfolglos abgefahren habe, werfe ich aus Verzweiflung noch den zweiten Schuh uns Gebüsch, nur um vergleichsweise zu sehen wie gut man ihn von der Straße aus erkennen kann. Ich habe den linken Schuh sicher in dieser Abfahrt verloren. Kurz vorm Ende sehe ich eine Puma-Socke im Gras liegen. Habe ich solch billigen Socken? Nein, die kann nicht von mir sein. Ratlos und verzweifelt drehe ich mich wieder um, werfe dabei aber noch einmal einen Blick auf die Socke. Hmm, noch warm. Und dann werde ich wie vom Blitz getroffen. Da liegt tatsächlich mein Schuh tief unter der Socke im Gestrüpp! Ich nehme ihn da heraus und hätte ihn am liebsten umarmt und geküsst. Ohne diese "billige" Socke, die doch von mir stammte, und aus dem Schuh geschleudert wurde, hätte ich ihn nie gefunden. Doch dann beginnt die zweite Suche. Den zweiten Schuh, den ich auch ins Gebüsch geworfen habe, finde ich erst beim zweiten Suchanlauf wieder. Ich komme mir langsam schon vor wie eine Comicfigur...


Frankfurt

Den Abend und den Tag danach verbringe ich in Frankfurt. Die Jugendherberge ist kaum auszuhalten. Es ist wahnsinnig heiß und als ich abends in mein Zimmer gehe, kippe ich fast hinten rüber. In den Betten liegen schwitzende amerikanische Gestalten, die vor sich hinschnarchen, und es stinkt wie im Pumakäfig. Nein, eigentlich habe ich doch nichts gegen Amerikaner - eigentlich...
Am folgenden Tag verbringe ich die Zeit bis zum abendlichen Abflug in der City. Ich gehe zu Globetrotter, lese in einem der vielen Parks einen Roman, lasse mich in der Apotheke über Cremen gegen meinen wunden Hintern beraten und kaufe mir in einem großen Radladen eine flotte Radlerhose mit weicher Einlage.

Tag 6:
Edersee - Wißmar b. Gießen
107,34 km
Tag 7:
Wißmar b. Gießen - Frankfurt
126,96 km


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